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Okt 22
Sexuelle Gewalt nach Naturkatastrophen: ein wenig bekanntes Problem

Im März 2019 hat ein Wirbelsturm das südliche Afrika heimgesucht. In der Folge der Naturkatastrophe ist auch ein wenig bekanntes, aber trotzdem höchst relevantes Problem aufgetreten, jenes der sexuellen und geschlechtsspezifischen Gewalt. Die Humanitäre Hilfe der Schweiz hat den Auftrag, Leben zu retten und Leid zu lindern. Zu den zahlreichen Herausforderungen in diesem Bereich gehören auch der Kampf gegen sexuelle und geschlechtsspezifische Gewalt (gender-based violence, GBV) und die Verbesserung des Schutzes für besonders verletzliche Personen. Die Schweiz unterstützt Gewaltopfer und fordert die Konfliktparteien auf, bestehende gesetzliche Bestimmungen einzuhalten.

Gespräch mit einer humanitären Helferin

Luana de Souza-Monbaron, Spezialistin für sexuelle und geschlechtsspezifische Gewalt beim Schweizerischen Korps für humanitäre Hilfe (SKH), war in dieser schwierigen Zeit in Mosambik im Einsatz.

Sie waren nach den Wirbelstürmen Idai und Kenneth in Mosambik. Geschlechterspezifische Gewalt ist nicht das erste, woran man bei Naturkatastrophen denkt...

«Geschlechtsspezifische Gewalt ist in Mosambik sehr verbreitet, aber die Wirbelstürme haben die Situation noch verschärft. Die Mehrheit der Vertriebenen waren Frauen und Kinder, da viele Männer umkamen oder vor Ort blieben, um das Familieneigentum zu schützen. Während der Evakuierungen waren mindestens 20% der Frauen und Mädchen (in geringerem Ausmass auch Knaben und Männer) sexueller Gewalt ausgesetzt. Viele Familien schlafen draussen, weil ihre Häuser zerstört sind. Frauen und Mädchen legen weite Strecken zurück, um Wasser und Nahrungsmittel zu beschaffen. Nachts müssen sie die Latrinen im Dunkeln aufsuchen. All dies erhöht die Gefahr eines sexuellen Übergriffs. Ausserdem setzen viele Familien auf schädliche Abwehrmechanismen um zu überleben, etwa Kinderehen oder sexuelle Ausbeutung. GBV nimmt bei sämtlichen Krisen zu.»

Welches sind die gravierendsten Probleme im Zusammenhang mit GBV nach Naturkatastrophen?

«Der Zugang zur Gesundheitsversorgung: Die Gesundheitszentren sind zerstört, es fehlt an Personal und Medikamenten. Betroffen sind auch die Polizei und andere wichtige Notfalldienste. Vergewaltigungsopfer haben 72 Stunden Zeit, um Medikamente gegen HIV einzunehmen. Mosambik weist eine hohe HIV-Prävalenz auf; 15% der Frauen sind infiziert.»

In einem Lager für Binnenvertriebene in der Provinz Sofala (Mosambik) warten diese Familien darauf, dass man © UNFPA/Mosambik – In einem Lager für Binnenvertriebene in der Provinz Sofala (Mosambik) warten diese Familien darauf, dass man ihnen ein Zelt zuweist.

Die Prioritäten der Bevölkerung nach einer Naturkatastrophe sind Wasser, Nahrungsmittel, Unterkunft und medizinische Versorgung. Wie schwierig ist es für Sie, vor diesem Hintergrund Ihre Arbeit zu erledigen?

«Nur sehr wenige Opfer reden über die Gewalt, die sie erlitten haben. Sie haben oft Angst, schämen sich oder werden von der eigenen Familie oder vom Täter daran gehindert, Anzeige zu erstatten. Die Umstände sind auch schwierig, da das Thema GBV nicht als wichtig angesehen wird. Zudem können wir das Ausmass des Problems nicht belegen, weil wir keine genauen Statistiken dazu haben. Aber wir wissen, dass GBV verbreitet ist, und zwar insbesondere nach Naturkatastrophen.»

Stossen Sie vor Ort auf Widerstand? Etwa von der lokalen Bevölkerung, mit der Sie zusammenarbeiten, oder von anderen humanitären Akteuren?

«Ich würde von einem passiven Widerstand sprechen. Die Leute hören zu und nicken, aber dann ändert sich doch nichts. Wenn wir in ein Lager zurückkehren, sind die Latrinen immer noch zu weit weg von den Unterkünften, nicht abschliessbar und ohne Licht! Humanitäre Helfer denken oft, es sei nicht ihre Aufgabeund sie hätten nicht genügend Erfahrung, um etwas gegen sexuelle Gewalt zu unternehmen. Doch wir können alle etwas tun. Wir sind als humanitäre Gemeinschaft gemeinsam dafür verantwortlich, sexuelle und geschlechtsspezifische Gewalt zu verhindern.»

Heisst das, dass die Gemeinschaften sexuelle Gewalt vertuschen?

«Wenn wir in ein Dorf oder ein Lager kommen, teilt uns die Leitung ihre Anliegen mit. In der Regel handelt es sich dabei um Männer. Diese verstehen nicht, warum wir mit Frauen und Mädchen sprechen wollen. Sie denken, sie haben uns bereits über alle relevanten Themen informiert. Häufig ist es schwierig, einen Ort zu finden, wo wir mit Frauen und Mädchen offen und ungestört reden können. Es braucht Zeit, Vertrauen aufzubauen, so dass sie sich uns gegenüber öffnen, selbst wenn wir nie direkte Fragen zum Thema GBV stellen. Wir erkundigen uns nach den vorhandenen Dienstleistungen, den möglichen Risiken für Frauen und Mädchen usw.»

Was gibt Ihnen Hoffnung angesichts dieser komplexen Herausforderung?

«Es gibt überall aussergewöhnliche Menschen, die sich jeden Tag für die Rechte von Frauen einsetzen. Beispielsweise Sozialarbeiter, die Betroffene betreuen, Anwältinnen, die ihr Leben aufs Spiel setzen, um Frauen zu verteidigen, oder Ärzte, die Opfer nach Übergriffen chirurgisch behandeln.. Solche Heldinnen und Helden gibt es in jedem Land, auch wenn sie nicht immer sehr sichtbar sind. Sie zu unterstützen ist eine unserer wichtigsten Aufgaben.»

Aufgezeichnet von Christina Stucky, Redaktion EDA interaktiv

Schweizer Spezialistinnen und Spezialisten bei der UNO

Luana de Souza-Monbaron ist eine von rund fünfzig Sachverständigen des Schweizerischen Korps für humanitäre Hilfe (SKH), die derzeit für die UNO im Einsatz sind. Die Mitglieder des SKH unterstützen UNO-Organisationen in zahlreichen Bereichen wie Wasser, Sanitärversorgung, Unterkunft, Logistik und Schutz verletzlicher Personen. Dieser Wissenstransfer ergänzt den finanziellen Beitrag der Schweiz an die UNO.


Zur Person

Luana de Souza-Monbaron ist Mitglied des Schweizerischen Korps für humanitäre Hilfe (SKH). Gegenwärtig ist sie als Regionalspezialistin für sexuelle und geschlechtsspezifische Gewalt bei der UNO in Nairobi im Einsatz. Von ihrem Büro beim Bevölkerungsfonds der Vereinten Nationen (UNFPA) aus betreut sie 24 Länder im östlichen und südlichen Afrika. Der Schwerpunkt liegt dabei auf humanitären Krisen. Vor ihrem Eintritt in das SKH im Jahr 2017 arbeitete sie in Nepal, im Senegal, im Libanon und in Afghanistan.

© DEZA - Luana de Souza-Monbaron bei der Arbeit in Mosambik.


Okt 15
Über 50 Jahre Schweizer Unterstützung für bessere Lebensbedingungen in Pakistan

Überschwemmungen durch Bergbäche, kein Strom, Wassermangel, mangelnde Rechtssicherheit oder fehlender Zugang zu Bildung sind im Nordwesten Pakistans alltägliche Realität. Mehr als 50 Jahre hat sich die Schweiz in Pakistan, in der letzten Zeit insbesondere am Hindukusch, für bessere Lebensbedingungen eingesetzt – bei der ländlichen Entwicklung und beim Wassermanagement, mit der Förderung von Menschenrechten und mit humanitärer Hilfe.

Ende 2019 stellt die Schweiz ihre Aktivitäten in der Entwicklungszusammenarbeit in Pakistan ein. Vom Schweizer Knowhow hat das Land zum Beispiel im Umgang mit Naturgefahren in Berggebieten profitiert. Erdbeben sowie sich abwechselnde Dürren und Überschwemmungen zählen vielerorts zu den grossen Herausforderungen für die lokale Bevölkerung:

 

Existenzgrundlage sichern

Der Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit (DEZA) geht es in Pakistan darum, das Wissen und die Fähigkeiten von Handwerkern, Frauen und anderen benachteiligten Bevölkerungsgruppen zu fördern, damit sie ihre Existenzgrundlage selber sichern können. Verbesserung der Stromversorgung, ein rentabler und nachhaltiger Anbau von Früchten und Gemüse sowie ein effizientes Wassermanagement sind weitere Schwerpunkte der Schweizer Entwicklungszusammenarbeit.

Im Rahmen der humanitären Hilfe unterstützte die Schweiz Pakistan bei der Nothilfe und dem Wiederaufbau im Katastrophenfall und half, Vorsorgemassnahmen zu treffen. Die Schweiz setzte sich ferner dafür ein, dass die lokalen Behörden öffentliche Aufgaben kompetent und im Interesse aller Bürgerinnen und Bürger wahrnehmen. Zudem förderte sie mit eigenen Projekten die pakistanische Kulturszene.

Auf einen Bereich klicken und Erfolgsgeschichten entdecken:






Die DEZA hat in Pakistan unterschiedliche Menschen erreicht – von der Weberin über das Schulkind bis zur Polizeibeamtin:

© DEZA

Einstellung der Aktivitäten der DEZA in Pakistan

Die Schweiz hat in Pakistan seit 1966 Entwicklungszusammenarbeit geleistet. Nach über 50 Jahren schliesst die DEZA ihre Projekte 2019 im Land am Hindukusch ab. Dieser Entscheid steht im Zusammenhang mit der Entwicklung Pakistans zu einem Staat mit mittlerem Einkommen und dem Bedürfnis nach alternativen Formen der Zusammenarbeit, die über die klassische Entwicklungszusammenarbeit hinausgehen. Im Falle einer humanitären Krise wird die Humanitäre Hilfe der Schweiz aber weiterhin die Möglichkeit haben, Einsätze in Pakistan durchzuführen.


Daniel Valenghi, Leiter des Kooperationsbüros der DEZA in Islamabad

«Durch die Menschen, die mit Unterstützung der DEZA ihre Lebenssituation verbessern konnten, wird die Entwicklungszusammenarbeit weiterhin positive Auswirkungen haben, auch nachdem unsere Projekte abgeschlossen sind. Ihre Geschichten stimmen uns zuversichtlich für die Zukunft Pakistans.»

 

Okt 08
Tour de Suisse der Botschafterinnen und Botschafter

Ein Projekt, elf Etappen, Dutzende Anlässe, Hunderte Fragen und Tausende Teilnehmerinnen und Teilnehmer. «Meet the Ambassadors», eine originelle Initiative für den Austausch der Öffentlichkeit mit Diplomatinnen und Diplomaten Ende diesen Sommer, war ein grosser Erfolg. Ziel der Veranstaltung war es, der Bevölkerung auf anschauliche Weise und im direkten Kontakt Einblick zu geben in die Aufgaben und die wichtige Rolle der rund 360 Diplomatinnen und Diplomaten im In- und Ausland, die zur Förderung und Vertretung der aussenpolitischen Interessen der Schweiz beitragen.


Warum ist Diplomatie wichtig?

Die Vertreterinnen und Vertreter der Schweizer Diplomatie wechselten für einmal ihre Rollen: Immer wieder Lächeln, Händeschütteln, aber vor allem ausführlich auf die vielen Fragen zu ihrer Tätigkeit eingehen waren ihre Hauptaufgaben. Sie nutzten ihren Aufenthalt in der Schweiz nicht nur für die Teilnahme an der jährlichen Botschafterkonferenz, sondern auch für einen Besuch in ihren Heimatkantonen. Mehr als 70 Diplomatinnen und Diplomaten reisten quer durch die Schweiz – von Frauenfeld bis Lausanne und von Lugano bis Basel –, um einem interessierten Publikum von ihrer Tätigkeit zu berichten. Für das EDA war «Meet the Ambassadors» eine wichtige Initiative, um in der Öffentlichkeit auf die Bedeutung der Diplomatie für den Aufbau und die Pflege guter Beziehungen mit anderen Ländern hinzuweisen.

Diplomatinnen und Diplomaten vertreten in den internationalen Foren die Positionen der Schweiz, pflegen gezielt Kontakte zum Schutz der Interessen unseres Landes, unterstützen einheimische Unternehmen im Ausland und fördern das Image der Schweiz weltweit. Sie sind aber auch im Kulturbereich und in der Entwicklungszusammenarbeit sowie in der Förderung des Friedens und der Menschenrechte tätig. Das EDA legt grossen Wert darauf, dass die Bevölkerung diese Tätigkeit und deren Auswirkungen auf die Schweiz besser kennt.

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«In der Welt zuhause, in der Schweiz daheim»

Mit diesen Worten beschrieb Paul Seger, Schweizer Botschafter in Berlin, seine Wurzeln. Staatssekretärin Pascale Baeriswyl nahm sie bei der Lancierung des Projekts «Meet the Ambassadors» wieder auf.

Während der gesamten Tour de Suisse waren das Interesse und der Enthusiasmus der Bevölkerung spürbar. Es war eine einmalige Gelegenheit, eine Veranstaltung des Bundes mit hochrangigen Vertreterinnen und Vertretern der Bundesverwaltung auf Kantonsboden durchzuführen. Gross war die Neugier des Publikums: darunter über 2500 Studentinnen und Studenten, 1500 Besucherinnen und Besucher an den öffentlichen Anlässen und rund 500 Wirtschaftsleute. Die Tour startete am 19. August 2019 in Scuol und endete am 6. September 2019 in Sion. Viel Aufsehen erregte das alte Postauto, mit dem die Diplomatinnen und Diplomaten unterwegs waren.

Am Puls der Bevölkerung

Wer sich Zeit nahm, die Botschafterinnen und Botschafter zu treffen, kam auf seine Rechnung. Das Publikum stellte allgemeine Fragen zur Bewältigung von diplomatischen Krisen und zum Familienleben im Ausland, aber auch vereinzelte Fragen zur geopolitischen Lage eines spezifischen Landes oder zu einem typischen Tagesablauf einer Botschafterin oder eines Botschafters. Ein Sammelsurium an Fragen! Unter den Teilnehmenden waren zudem viele Jugendliche, die sich für den Diplomatenberuf interessieren und wissen wollten, wie die Anforderungen für eine solche Karriere aussehen. Es gab auch Raum für die Anliegen der Bevölkerung und ihre aussenpolitischen Prioritäten.

Die Botschafterinnen und Botschafter hatten Gelegenheit, während der Vorträge, Apéros und runden Tische den Puls der Bevölkerung zu fühlen und zu verstehen, was sie von dieser neuen Initiative «Meet the Ambassadors» halten.


Die Ansichten der Besucherinnen und Besucher

 

Pascale Baeriswyl, Staatssekretärin EDA

«Wir haben 16 Kantone in allen vier Sprachregionen der Schweiz besucht, mit rund 2’500 Schüler/innen debattiert, mit Kantons- und Gemeindebehörden diskutiert und mit über 1’500 Menschen auf Dorfplätzen geplaudert. An 11 Tagen reisten während dem Meet the Ambassadors 70 Diplomatinnen und Diplomaten des EDA in Teams in ihre Heimatkantone, um im Gespräch unserer Aussenpolitik ein Gesicht zu geben. Herzlichen Dank an alle für diesen Erfolg!»

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No, this isn't actually my picture. I just haven't gotten around to updating this section. It's good to know that someone is reading every last word though. Thanks!