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Apr 17
Von den Landschaften Álvaro Rojas Salazars zu Antoine de Saint-Exupéry – oder wie man sich in Costa Rica als klimaneutral zertifiziert

​Costa Rica ist ein Land, das Assoziationen wie Frieden, Toleranz und Respekt vor der Natur weckt. Die reiche Artenvielfalt und «der üppige Urwald – einer der schönsten der Welt –, der von Flüssen wie dem Reventazón durchzogen wird» (Zitat aus Greytown, Alvaro Rojas Salazar), sind jedoch mit einer Realität konfrontiert, die den Schutz der natürlichen Ressourcen immer komplexer macht. Die Regierung von Costa Rica will ihre Umweltpolitik vorantreiben und hat bereits 2009 das ehrgeizige «Programa País» eingeführt. Mit der Umsetzung dieses Programms will sie bis 2021 Klimaneutralität erreichen. Die Schweiz ihrerseits hat sich im Rahmen des Pariser Klimaabkommens verpflichtet, den CO2-Ausstoss bis 2030 gegenüber 1990 zu halbieren. Die angestrebte Klimaneutralität ist somit ein Anliegen beider Länder, denn sie räumen dem Kampf gegen den Klimawandel Priorität ein.

«Etwas Unmögliches kann man nicht glauben», sagte Alice im Wunderland. «Zuzeiten habe ich vor dem Frühstück bereits bis zu sechs unmögliche Dinge geglaubt», gab ihr die Herzkönigin zur Antwort.

Zertifizierung in drei Phasen

Nach verschiedenen Treffen und Gesprächen mit Wissenschaftlern und Fachleuten des Umweltbereichs im Herbst 2016 fassten wir den Entschluss, die Botschaft gemäss ISO 14064-1 zertifizieren zu lassen (Treibhausgase – Teil 1: Spezifikation mit Anleitung zur quantitativen Bestimmung und Berichterstattung von Treibhausgasemissionen und Entzug von Treibhausgasen auf Organisationsebene).

Die erwähnten Spezialisten gingen von einem einfachen und schnellen Prozess aus, der geringe finanzielle Auswirkungen habe und in drei Phasen realisierbar sei.

  • In einer ersten Phase wurden die relevanten Daten bezüglich des ökologischen Fussabdrucks der Botschaft analysiert. Diese Analyse wurde einer vom Ministerium für Umwelt und Energie anerkannten privaten gemeinnützigen Organisation übertragen.

  • Die zweite Phase umfasste einen Plan zur Reduktion der Emissionen der Botschaft, die an sich schon sehr gering sind. Umgesetzt wurde dies mit der Modernisierung des Beleuchtungssystems in einigen Botschaftsräumen, in denen die elektrische Beleuchtung nur einige Stunden am Tag eingeschaltet ist. Zum Glück genügt das Sonnenlicht für die Beleuchtung unserer Räumlichkeiten, die sich im zehnten Stockwerk eines architektonisch markanten Gebäudes der Stadt San José befinden. Es handelte sich dabei um eine der wenigen praktischen Massnahmen zur Emissionsreduktion.  

  • Eine dritte Phase schliesslich umfasste ein Projekt zur Kompensation der Emissionen mit abschliessender Zertifizierung durch die Universidad EARTH (privates Hochschulinstitut Costa Ricas für Agronomie und nachhaltige Entwicklung), die von der International Standard Organization ISO bestätigt wurde, um die begehrte Auszeichnung zu erhalten. In diesem Zusammenhang hat die Botschaft das Aufforstungsprojekt «Finca Florida Forestale» in Sierpe de Osa auf der Halbinsel Osa (im Südwesten des Landes) unterstützt.


Schweizer Botschaft in Costa Rica. © EDA

Wie sagte doch Gabriel García Márquez: «Die Zeit vergeht, ohne Lärm zu machen.»

«Öffentliche Diplomatie» als vierte Phase

Nach einem fulminanten Start sorgte das lange Schweigen seitens der mit der Evaluation beauftragten Institutionen für Ratlosigkeit und Unsicherheit hinsichtlich des Resultats. Das Ganze war infolge einer Reihe von verfahrenstechnischen Missverständnissen ins Stocken geraten, die einen schnellen und schlanken Prozess illusorisch erscheinen liessen. Einige Monate und verschiedene E-Mails später dann die Erleichterung: nach einer Klärung der jeweiligen Verantwortlichkeiten und Rollen waren die organisatorischen Hürden überwunden. Und nach über einem Jahr anstatt der drei vorgesehenen Monate erhielten wir die angestrebte internationale ISO-Zertifizierung.

Eine vierte mit den Behörden des Ministeriums für Umwelt und Energie diskutierte Phase umfasste eine gemeinsame öffentliche Veranstaltung, um sowohl auf die Zertifizierung unserer Botschaft und unsere Unterstützung der Anstrengungen Costa Ricas als auch auf die Verpflichtungen der nationalen Behörden unseres Gastlandes aufmerksam zu machen. Damit sollten andere öffentliche und private Institutionen angespornt werden, das «Programa País» zu unterstützen.

Die Diplomatie ist auch öffentliche Diplomatie, bei der das Image die Realität unterstützt und das Positive in den Vordergrund rückt. Dazu muss die Botschaft jedoch dem erwähnten «Programa País» beitreten. Dies heisst für die Institutionen und Unternehmen, die sich am Programm beteiligen wollen, die Erarbeitung eines Fünfjahresplans zur Emissionsreduktion, wobei die Kompensation der Emissionen in den Aktionsplänen der jeweiligen Institutionen jedoch nicht berücksichtigt werden darf.

Emissionen ohne Kompensation reduzieren

Ohne auf die technischen Details einzugehen, scheint es folgerichtig, dass die im «Programa País» enthaltenen lokalen Bedürfnisse zu berücksichtigen sind. Diese verlangen, dass die Emissionen verringert werden und nicht nur deren Kompensation angestrebt werden soll. Der Spielraum unserer Botschaft zur Emissionsreduktion ist jedoch äusserst gering und unzureichend, um einen glaubwürdigen Plan zur Emissionsreduktion erarbeiten zu können, der sich über fünf Jahre erstrecken soll. Demgegenüber sind die Möglichkeiten zur Kompensation sozusagen unendlich. Der Beitritt zum «Programa País» erwies sich somit um einiges komplizierter, als wir es uns vorgestellt hatten.

Wir haben dies berücksichtigt und uns entschieden, die internationale ISO-Zertifizierung 14064-1 jährlich zu erneuern. Dafür verzichten wir für den Moment auf den Beitritt zum nationalen Programm Costa Ricas und auf die damit verbundene öffentliche Aufmerksamkeit. Schade. Aber wie sagte der Fuchs zum kleinen Prinzen: «Das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar.»

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Botschafter Mirko Giulietti,
Schweizer Botschaft Costa Rica, El Salvador, Nicaragua und Panamá.


Nachhaltige Entwicklung: die Schweizer Botschaften engagieren sich

Die Schweiz setzt die Agenda 2030 für nachhaltige Entwicklung um, die 2015 von der internationalen Gemeinschaft verabschiedet wurde.  
Diese neue Agenda schafft einen universellen Referenzrahmen für ihre Beiträge zur Förderung des menschlichen Wohlergehens, einer nachhaltigen wirtschaftlichen Entwicklung sowie zum Schutz der Umwelt. Das EDA setzt sich für die Verwirklichung dieser Agenda an der Zentrale und im Aussennetz ein. Es stützt sich dabei namentlich auf sein solides diplomatisches Netzwerk von Botschaften und Konsulaten.

Apr 12
Ignazio Cassis begrüsst das von der Schweiz und China lancierte Klimaprojekt

Seine erste aussereuropäische Reise führte Ignazio Cassis vom 2. bis 3. April 2018 zu einem offiziellen zweitägigen Besuch nach Peking. Danach reiste er weiter ins Zentrum Chinas, in die Stadt Xi'an (Karte). Ein Höhepunkt seiner Reise war der Besuch der Chinesischen Akademie der Wissenschaften. Die Schweiz führt dort ein bilaterales Klimaprojekt durch.

Der Aussenminister der Schweiz traf in der Hauptstadt seinen Amtskollegen Wang-Yi. Im Zentrum der Gespräche stand die Umsetzung der Ziele für eine nachhaltige Entwicklung bis 2030. Die Schweiz und China engagieren sich im Rahmen der Agenda 2030 der Vereinten Nationen. Zusammen mit allen übrigen Ländern der Welt führen die beiden Länder Aktivitäten zum Schutz der Bevölkerung wie auch der Umwelt durch und setzen sich für mehr Ökologie, Gerechtigkeit und Nachhaltigkeit ein.

Luftqualität: grosse Fortschritte sind nötig

Während der Schweiz im Klimabereich die Arbeit nicht ausgeht, steht China vor gewaltigen Herausforderungen. Das Reich der Mitte, das 1,4 Milliarden Menschen zählt und ein enormes Wirtschaftswachstum verzeichnet, tut sich schwer mit dem schädlichen Feinstaub, der in die Luft entweicht. Die Feinpartikel stammen mehrheitlich aus der Kohlenstoffverbrennung in den Fabriken und Elektrizitätswerken, aber auch von den Millionen von Autos, Heizungen, landwirtschaftlichen Aktivitäten und Industrieanlagen, die zu nahe an Städten gebaut wurden. Bundesrat Cassis und seine Delegation wurden gleich bei ihrer Ankunft mit dem Problem konfrontiert. «Es gibt heute keinen Wind, und die Schadstoffbelastung ist auf dem Höchststand», erklärt ein Diplomat der Schweizer Botschaft, bevor er an alle Schutzmasken verteilt. Die Masken bleiben in der Verpackung, aber dass die Lage ernst ist, zeigen ein wenig später die verdrossenen Worte einer Ehefrau eines anderen Diplomaten: «Die Kinder bleiben heute zuhause, die Luftverschmutzung ist zu gross.»

Die chinesische Regierung hat in den letzten Jahren viel unternommen gegen die Luftverschmutzung. Die Luftqualität ist ein wichtiges nationales Ziel. Zahlreich sind die Umweltschutzinitiativen und -regelungen, die in die öffentlichen Politiken einfliessen. Sie reichen jedoch nicht aus, um die Luftgrenzwerte der Weltgesundheitsorganisation einzuhalten (siehe interaktive Weltkarte). Laut WHO ist die Luftverschmutzung in China verantwortlich für den vorzeitigen Tod von 3 Millionen Menschen (Zahlen 2017).

Die Schweiz wurde aufgrund ihres Fachwissens im Bereich der atmosphärischen Chemie eingeladen, sich am Projekt «Clean Air China 2030» zu beteiligen. Ziel dieses bilateralen Projekts ist es, die Kenntnisse der Schweiz für die Senkung der Luftverschmutzung in China zu nutzen.

Schweizer Know-how für bessere Luft in China

Zurück zum Besuch von Bundesrat Cassis in der Volksrepublik China. Am 4. April 2018 besuchte er die Chinesische Akademie der Wissenschaften in der Stadt Xi'an.

©EDA

Die Universität zählt zu den besten der Welt. Sie arbeitet eng mit der Schweiz (DEZA, BAFU, Institut Paul Scherrer, ETHZ, EMPA,) am Projekt «Clean Air China 2030» mit.

Die Schweiz ist führend im Bereich der Atmosphärenchemie. Sie verfügt über äussert spezifische Kenntnisse und modernste Technologien, um verschiedenste Partikel in der Luft zu identifizieren, zu messen, zu klassifizieren und schliesslich zu analysieren. Die Forschenden aus der Schweiz teilen mit ihren chinesischen Partnern nicht nur ein Messsystem, sondern einen ganzen Arbeitsprozess. Dieser ermöglicht es, die Luftqualität in Echtzeit zu überwachen. Dank den extrem genauen Resultaten können geeignetere und folglich auch effizientere Lösungen gefunden werden.

Der Bundesratsbesuch markiert den Beginn dieser neuen Partnerschaft, die im Mai 2018 offiziell aufgenommen wird. Das Projekt läuft bis ins Jahr 2024. Partner auf chinesischer Seite sind die Chinesische Akademie der Wissenschaften, das Ministerium für Umweltschutz und sechs Städte (Peking, Xi'an, Shijiazhuang, Langfang, Wuhan und Chongqing).

Ein Win-Win-Projekt

China lernt von der Schweiz. Die Schweiz lernt von China.

Nach Abschluss des Projekts ist China auf diesem Gebiet autonom. Es wird über leistungsfähigere Mess- und Analyseinstrumente verfügen, die es ihm erlauben, die Luftverschmutzung besser zu überwachen und mit politischen Massnahmen und gezielten Lösungen die nun leicht identifizierbaren Partikel zu reduzieren.

Die Schweiz wird über eine andere und viel grössere Testumgebung verfügen als in Europa. Die chinesischen Städte stellen erweiterte Labors dar. Es können neue Datenbanken über Schadstoffbelastungen erstellt und Modelle entwickelt werden, die auf einem komplexen und andersartigen Umfeld beruhen. Diese neuen Modelle können später in anderen Grossstädten und auf anderen Kontinenten im Kampf gegen die Luftverschmutzung eingesetzt werden.

Better air, better health, better life!

Bundesrat Cassis vor einem binokularen Mikroskop, umgeben von Studierenden: Er hatte Gelegenheit, sich mit angehenden Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern auszutauschen. Wird sich diese Generation auch mit heiklen Klimafragen und Lösungen für eine bessere Welt konfrontiert sehen?

«Der Besuch der Labors und der kurze Austausch mit den Verantwortlichen, dem Personal und den Studierenden war äusserst interessant. Besonders beeindruckt hat mich der Enthusiasmus der jungen Forschenden. Sie haben nicht viele Mittel, aber sie sind wissbegierig und erfolgsorientiert. In 20 Jahren werden sie die Besten sein. Ihre grosse Anzahl ist ihr Vorteil», sagt Bundesrat Cassis.

«Ich habe sie angespornt, nach Exzellenz zu streben, um zu den Besten zu gehören. Forschung bedeutet Wettbewerb. Die Intelligentesten und die Einfallsreichsten erhalten die nötige Finanzierung. Wir brauchen uns nur in der Schweiz umzusehen, in unseren technischen Hochschulen oder Universitäten.»

Zwei Fragen an Pio Wennubst,

Leiter des Bereichs

Globale Zusammenarbeit der DEZA

Warum hat die DEZA ein Globalprogramm für Klimawandel und Umwelt?

«Die Auswirkungen des Klimawandels auf die Entwicklung lassen nicht auf sich warten. Wir können bereits heute beobachten, wie sehr sie die Lebensbedingungen und -qualität der Bevölkerung beeinträchtigen. Für die Entwicklungszusammenarbeit der Schweiz ergaben sich daraus zwei Handlungsfelder: erstens Massnahmen zur Reduktion der Geschwindigkeit des Klimawandels, zweitens Massnahmen zur Anpassung an die Folgen des Klimawandels. Das Projekt «Clean Air China 2030» (CACN 2030) fällt in den ersten Aufgabenbereich. Da sich in vielen Ländern starke Urbanisierungstrends abzeichnen, ist es zentral, dass diese Länder über die bestehenden Planungserfahrungen und Technologien verfügen, um diese Prozesse nachhaltiger zu gestalten. Auf diese Weise können sie Boden-, Wasser- und Luftverschmutzung von Anfang an einbeziehen. Das ist effizienter als das Auffangen der negativen Folgen, die bereits eingesetzt haben. Die Menschen können gesünder leben, nicht nur in den Städten, die besonders betroffen sind von der Umweltverschmutzung, sondern überall, denn die Luftverschmutzung und der Klimawandel machen nicht Halt vor nationalen Grenzen. Wir haben gelernt, dass der Wissensaustausch unter den Ländern und Akteuren, die sich mit den negativen Auswirkungen des Klimawandels beschäftigen, zentral ist bei der Suche nach wirksamen Lösungen.»

Warum ist China als globaler Akteur an einer Zusammenarbeit mit einem so kleinen Land wie der Schweiz interessiert?

«China anerkennt das Know-how der Schweiz und will wissen, wie die Schweiz es geschafft hat, ein so hohes technologisches und wirtschaftliches Niveau zu erreichen und dabei die Umweltbelastung so gering wie möglich zu halten. China ist sich bewusst, dass die rasche Urbanisierung und Industrialisierung die Umwelt gefährdet und dass dringend wirksame Politiken erforderlich sind. Umweltschutz ist nur mit zuverlässigen Daten möglich, die dazu beitragen, die Schadstoffquellen zu identifizieren. Die Schweiz verfügt über viel Know-how und erprobte wissenschaftliche Methoden, die für Chinas Luftqualitätspolitiken einen Mehrwert darstellen. Dazu gehören genaue Messungen der Luftqualität, Identifikation der Luftschadstoffquellen und evidenzbasierte Umweltpolitiken. China kann sich im Rahmen dieser Zusammenarbeit mit der Schweiz auch als verantwortungsvoller Akteur behaupten. Die Schweiz kann ihrerseits durch die Arbeit in und mit China ihr Know-how und Wissen stärken, denn die Komplexität und das Ausmass der Luftverschmutzung in China lassen sich nicht mit den Verhältnissen in der Schweiz vergleichen. Dieses Projekt bietet die Gelegenheit des gegenseitigen Lernens, um ein international wichtiges Problem wirksamer zu lösen. Beide Länder werden ihre Kenntnisse bei der Ausarbeitung und Umsetzung von Umweltschutzsystemen vertiefen.»



Apr 05
8 Gründe, weshalb Hunger im Fokus der Humanitären Hilfe der Schweiz steht

Die Jahrestagung der Humanitären Hilfe und des Schweizerischen Korps für humanitäre Hilfe war dem Thema Hunger gewidmet. Die Schweiz setzt einen grossen Teil der für die humanitäre Hilfe bereitgestellten Mittel für die Bekämpfung von Hunger in der Welt ein. Acht Gründe für das Engagement der Schweiz.

815 Millionen Menschen hungern weltweit gemäss dem aktuellen Bericht der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (FAO). Das entspricht beinahe hundertmal der Schweizer Bevölkerung. Und rund 11% der Weltbevölkerung.

4600 Kalorien werden pro Tag und Person produziert. Die FAO geht davon aus, dass pro Mensch eine Tagesration von 2100 Kalorien erforderlich ist. In der westlichen Welt verschlingt man bei einem Festmahl gut und gerne über 3000 Kalorien auf einmal. In den ärmsten Ländern der Welt hingegen liegen selten mehr als 300 Kalorien auf dem Teller. Der EDA-Vorsteher, Bundesrat Ignazio Cassis, wies in seiner Ansprache anlässlich der Jahrestagung der Humanitären Hilfe der Schweiz auf dieses Paradox hin: «4600 Kalorien pro Tag und Kopf sind rund doppelt so viel Nahrung wie nötig. Und doch geht heute jeder neunte Mensch auf dieser Erde hungrig schlafen. Das ist eigentlich absurd.»

21. Jahrhundert Wie sieht Hunger im 21. Jahrhundert aus? Manuel Bessler, stellvertretender Direktor der DEZA, Delegierter für humanitäre Hilfe und Chef des Schweizerischen Korps für humanitäre Hilfe, erwähnte in seiner Begrüssungsrede eine weitere brutale Tatsache: «Das Antlitz des Hungers hat sich verändert.» Vor mehreren Hundert Teilnehmenden zeigt er das Bild eines jungen Mannes in Jeans und Pullover vor zerbombten Häusern, der in einem Sack spriessende Setzlinge giesst. Das Bild stammt aus Syrien. «Hunger tritt zwar weiterhin auf dem afrikanischen Kontinent auf. Allerdings herrscht heute auch dort Hunger, wo betroffene Menschen noch vor einigen Jahren einer geregelten Arbeit nachgingen oder die Universität besuchten.»

Bewaffnete Konflikte Warum müssen Menschen überhaupt hungern? An den Podiumsdiskussionen der Jahrestagung waren sich die Experten einig. Konflikte und Hunger sind eng miteinander verknüpft. «Nicht Dürren oder Überschwemmungen sind heute die Hauptursache für Hunger. Hunger ist heute in erster Linie eine Folge von bewaffneten Konflikten», erklärte der stellvertretende DEZA-Direktor. «Hunger wird in Ländern zur Realität, die vor dem Ausbruch von Konflikten über ausreichend Einkommen verfügten, um die Bevölkerung zu ernähren, zum Beispiel Syrien und die Ukraine.» Immer mehr Menschen sind von bewaffneten Konflikten betroffen, die zu schweren humanitären Krisen führen, namentlich in Afrika. (Eine detaillierte Karte zum Zusammenhang von Hunger und bewaffneten Konflikten wird im unten verlinkten Video gezeigt).

70 Millionen 2017 stellte die Schweiz dem Welternährungsprogramm der UNO (WFP) 70 Millionen US-Dollar (rund 67 Millionen CHF) zur Verfügung. Das WFP ist die grösste humanitäre Hilfsorganisation im Kampf gegen den Hunger in der Welt. Der Beitrag der Humanitären Hilfe der Schweiz ist der grösste, den sie je an eine UNO-Organisation überwiesen hat. Angesichts der Notlage in Nordnigeria, im Südsudan, in Somalia und im Jemen hat die Schweiz 2017 zusätzlich 15 Millionen Franken bereitgestellt.

Miliz «Die Schweiz ist nicht nur ein Geberland. Wir leisten auch direkt Unterstützung. Zu diesem Zweck verfügen wir über ein einzigartiges und typisch schweizerisches Milizsystem: das Schweizerische Korps für humanitäre Hilfe», sagte Bundesrat Ignazio Cassis an der Tagung. «Ich danke allen Mitgliedern des Korps für ihre Arbeit. Sie engagieren sich im Namen der Schweiz für die humanitäre Sache. Sie repräsentieren eine Schweiz, die nicht untätig bleibt. Durch Ihren Einsatz nimmt die Schweiz ihre Verantwortung als Mitglied der internationalen Gemeinschaft wahr. Sie können stolz sein! Wir sind stolz darauf!», fügte er in seiner Ansprache hinzu.

23 Mitglieder des Schweizerischen Korps für humanitäre Hilfe waren 2017 beim Welternährungsprogramm im Einsatz. Die Expertinnen und Experten waren vor allem in Barzahlungsprogrammen der UNO tätig, bei denen die Menschen Bargeld oder Gutscheine erhalten, damit sie Nahrungsmittel, Wasser und andere dringend benötigte, selbst gewählte Artikel kaufen können.

Humanitäre Tradition Die Schweiz verfügt über eine lange humanitäre Tradition, ihr Engagement ist bekannt und anerkannt. Sie ist die Heimat der Genfer Konventionen und des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz. Sie verfügt über mehrere Dispositive wie die Nothilfe, die längerfristig angelegte Entwicklungshilfe, die Förderung des Friedens, der Menschenrechte und des humanitären Völkerrechts.

 

 


 

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No, this isn't actually my picture. I just haven't gotten around to updating this section. It's good to know that someone is reading every last word though. Thanks!