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Nov 20
30 Jahre Kinderrechtskonvention

Das Übereinkommen über die Rechte des Kindes, das am 20. November 1989 im Rahmen der UNO abgeschlossen wurde, betrachtet Kinder offiziell als Rechtssubjekte und schreibt die Anerkennung und den Schutz der universell gültigen Grundrechte der Kinder fest. Bei allen Massnahmen, die Kinder betreffen, ist das Wohl des Kindes vorrangig zu berücksichtigen. Dieser Schutz ist die Grundlage einer Konvention, die innerhalb der Vereinten Nationen einzigartig ist: Bis auf ein Land haben alle 197 Mitgliedstaaten das Übereinkommen ratifiziert.

Die Konvention schützt die Kinder in allen Lebensbereichen. Sie legt den unentgeltlichen Besuch der Grundschule fest, garantiert die Gesundheitsversorgung und verbietet den Staaten die Eingliederung von Kindern unter fünfzehn Jahren in ihre Streitkräfte. Sie betont ausserdem die Rolle der Familie und die Gewährleistung der Entwicklung des Kindes. Grundsätzlich garantiert sie ein Diskriminierungsverbot, stärkt die Partnerschaften für Kinder und fördert die Jugendgerichtsbarkeit. In der Schweiz trat das Übereinkommen am 26. März 1997 in Kraft. Für die Umsetzung sind zahlreiche Behörden zuständig. Das Bundesamt für Sozialversicherungen (BSV) übernimmt die Koordination und erstattet dem UNO-Ausschuss über die Rechte des Kindes alle fünf Jahre Bericht über die Umsetzung der Verpflichtungen in der Schweiz.

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Anlässlich des 30-jährigen Bestehens dieses wichtigen Menschenrechtsinstruments finden diesen Herbst in Genf verschiedene Veranstaltungen statt. Die Federführung übernimmt der Verein «30 Jahre Kinderrechte», der auf Initiative von Dr. Jean Zermatten, dem ersten Schweizer Mitglied im UNO-Kinderrechtsausschuss, und Prof. Philip Jaffé, dem heutigen Vertreter im Ausschuss, gegründet wurde.

Kinderreporter im Einsatz

In diesen Tagen findet am Genfer UNO-Sitz eine bedeutende Konferenz statt. Kinderrechtlerinnen und Kinderrechtler aus aller Welt, Vertreterinnen und Vertreter aus Politik und Lehre sowie auch Kinder treffen sich zu Gesprächen über das Wohlergehen und die Rechte von Kindern und Jugendlichen und richten die Aufmerksamkeit der Weltöffentlichkeit auf diese Themen. Die dreitägige Konferenz ist der Höhepunkt einer Reihe von Veranstaltungen, die im Verlauf des Jubiläumsjahres 2019 stattfanden – auch mit der Unterstützung des EDA. Während der letzten Monate waren die Kinder aufgerufen, sich als Reporter mit dem Thema auseinanderzusetzen. Mehr als 400 Kinder und Jugendliche im Alter zwischen 2 und 18 Jahren und aus verschiedenen Ländern waren dem Aufruf gefolgt. Von Genf über Lateinamerika bis Afrika entstanden über 150 Beiträge, die im Oktober am Ufer des Genfersees öffentlich ausgestellt wurden. Auch während der Konferenz stehen die Kinder im Einsatz und kümmern sich höchstpersönlich um die sozialen Medien der Plattform ChildRightsHub.

Ein Beispiel für eine Reportage:



Die Meinung des Experten


Philip Jaffé ist Professor für Psychologie und Direktor des interfakultären Zentrums für Kinderrechte der Universität Genf. 2018 ernannte ihn der Bundesrat in den UNO-Kinderrechtsausschuss, der die Umsetzung des Übereinkommens in den Mitgliedstaaten überwacht. Stolz nahm Philip Jaffé die Wahl an. Er freute sich ganz besonders, dass jemand mit einem sozialwissenschaftlichen Hintergrund das von Juristinnen und Juristen geprägte Gremium bereichern darf. «Kinder sind zu komplexe Wesen, als dass sich nur Rechtsexperten mit ihnen beschäftigen sollten.»

Die Konvention und ihre Bestimmungen seien noch zu wenig bekannt, manchmal sogar unter Fachleuten, bedauert Philip Jaffé. «In diesem Jubiläumsjahr können wir das Übereinkommen in Erinnerung rufen und aufzeigen, dass es Grundsätze festschreibt, die es in der Berufspraxis anzuwenden gilt – mit einem klaren Nutzen». Jeder Staat muss sein Möglichstes tun, um die Achtung der Kinderrechte zu gewährleisten, Kinder vor jeglicher Form von Diskriminierung zu bewahren und ihre Identität zu schützen. Familienzusammenführung, freie Meinungsäusserung und Vereinigungsfreiheit sind weitere konkrete Rechte, die in der Konvention verankert sind.

Die Wahrung der Kinderrechte in der Schweiz hat seit 1997 zweifellos grosse Fortschritte erzielt. Dennoch bestehen in mancher Hinsicht Herausforderungen. Problematisch sind einerseits die Umsetzung in einem föderalistischen System und andererseits die konservative Einstellung: «Die Schweiz gehört in diesem Bereich weltweit zu den Besten. Doch warum getraut sie sich nicht, Spitzenreiterin zu werden?» Der Westschweizer Experte ist der Auffassung, dass es zum Beispiel eine zielgerichtete öffentliche Debatte zum Thema Körperstrafe braucht. «Sämtliche wissenschaftlichen Studien haben aufgezeigt, dass Körperstrafen ineffizient sind. In der Schweiz sind sie noch nicht verboten, in anderen Ländern hingegen haben Verbote und Aufklärung Positives bewirkt. Es herrscht dringender Handlungsbedarf, denn jedes fünfte Kind ist Opfer von Gewalt.» Nicht zu unterschätzen sei auch das Phänomen der Armut: «Es ist traurig zu sehen, dass in einem so wohlhabenden Land 80 000 Kinder in Armut leben.»

Dennoch ist Philip Jaffé zuversichtlich, denn das Bewusstsein zum Thema Kinderrechte nehme zu. So wurden zum Beispiel beim Mitspracherecht von Kindern und Jugendlichen bei Entscheidungen, die sie betreffen, erhebliche Fortschritte erzielt. Darüber hinaus setzt sich die Schweiz in der internationalen Zusammenarbeit aktiv ein: «Die Direktion für Zusammenarbeit und Entwicklung unterstützt weltweit verschiedene Projekte, bei denen sie ihre Erfahrung im Bereich der Lehrlingsausbildung einbringt. Und schliesslich leistet sie auch finanzielle Beiträge an mehrere nichtstaatliche Menschenrechtsorganisationen.»

 

Entstehungsgeschichte der Konvention

•    Anfang des 20. Jahrhunderts: erste Grundsätze für den medizinischen, gesellschaftlichen und rechtlichen Schutz von Kindern in Europa
•    1919: Der Völkerbund gründet einen Ausschuss zum Schutz von Kindern
•    1924: Die Genfer Erklärung anerkennt als erstes internationales Dokument die besonderen Rechte der Kinder und betont die Verantwortung der Erwachsenen
•    1947: Gründung des Kinderhilfswerks der Vereinten Nationen
•    1953: UNICEF wird eine ständige internationale Organisation
•    1959: Erklärung der Rechte des Kindes mit 10 Grundsätzen, die den Weg für eine weltweite Anerkennung ebnen
•    1979: Internationales Jahr des Kindes
•    1989: Das UNO-Übereinkommen über die Rechte des Kindes mit 54 Artikeln wird einstimmig angenommen
•    1997: Die Schweiz ratifiziert die Konvention und setzt sie in Kraft

Kinderrechte in der Schweiz
Mit dem Kredit «Kinderrechte» koordiniert der Bund die Umsetzung der UNO-Kinderrechtskonvention und deren Bekanntmachung in der Schweiz. Zu diesem Zweck subventioniert er Partnerorganisationen, die gesamtschweizerisch oder sprachregional im Bereich der Kinderrechte tätig sind.


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