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Jul 23
Genf: Die Schnittstelle der Schweiz zur Welt

Wie viele andere Schweizer Städte ist auch Genf mit vielen Klischees behaftet. Doch die Calvin-Stadt kann nicht nur auf den Autosalon, Wohnungsnot und Luxusboutiquen reduziert werden. Vielmehr bringt das internationale Genf der kleinen Schweiz auf der internationalen Bühne zahlreiche Vorteile. Vom internationalen Genf profitiert die Schweiz nicht nur auf politischer Ebene, sondern vermittelt durch den Standort auch ihr positives Image in der Welt. Ganz zu schweigen vom wirtschaftlichen Nutzen für die Region: Internationale Organisationen geben schätzungsweise 6 Milliarden CHF aus, davon 3,2 Milliarden in der Schweiz.

Von der Meteo App über Zahnpasta bis zu Friedensverhandlungen

Seit 1863 hat sich Genf zu einem der wichtigsten Zentren der globalen Zusammenarbeit entwickelt. Der enge Austausch internationaler Organisationen, ständiger Missionen, NGOs und der Wissenschaft ist ein fruchtbarer Nährboden für die Lösung von Herausforderungen, die jede und jeden weltweit betreffen – von der Meteo App über Zahnpasta bis zu Friedensverhandlungen.


Die Genferseeregion beherbergt rund 40 internationale Organisationen, ca. 400 NGOs und die StändigenVertretungen von 179 Mitgliedstaaten der Vereinten Nationen. Dieser Apparat dient nur einem Ziel: Globale Probleme angehen und lösen. In Genf stehen diese Bereiche im Fokus:

  • Frieden, Sicherheit und Abrüstung

  • Humanitäres Völkerrecht, Menschenrechte und Migration

  • Gesundheit

  • Arbeit, Wirtschaft, Handel, Wissenschaft und Telekommunikation

  • Umwelt

Das internationale Genf ist Drehscheibe der multilateralen Diplomatie. Es wird auf globaler Ebene verhandelt, geforscht und es werden Entscheide gefällt.

Alt UNO-Generaldirektor Michael Møller © Keystone

​«Wenn Sie sich die Zähne putzen, wird die Menge an Chemikalien in Ihrer Zahnpasta durch die in Genf verabschiedeten Normen bestimmt».

Peter Maurer Präsident des IKRK © Keystone 

«Genf ist ein Dreh- und Angelpunkt, wo sich unendlich viele Beziehungen zwischen Staaten, NGOs, UN-Organisationen und Fachleuten für humanitäre Fragen knüpfen lassen. Neben den historischen Verbindungen zur Calvin-Stadt ist es dieses dicht gewobene Netz, das Genf zum geeigneten Sitz für das IKRK macht. Ein Netz, das allerdings ständig genährt und gepflegt werden will. Dazu braucht es Rahmenbedingungen, die Genf in der globalisierten und zunehmend konkurrierenden Welt, in der die humanitären Organisationen wirken, ganz klare Vorteile verschaffen.»

Genf spielt eine Schlüsselrolle in der aussenpolitischen Strategie der Schweiz. Ihre Ziele von Frieden, internationaler Sicherheit, der Entwicklung freundschaftlicher zwischenstaatlicher Beziehungen und der Förderung der Menschenrechte sind deckungsgleich mit denjenigen der UNO. Die Schweiz nutzt das vielfältige Potenzial des internationalen Genf, um ihre Ziele im multilateralen Umfeld der Stadt zu verwirklichen. Ihre Expertise, ihre Rolle als Gaststaat und ihre humanitäre Tradition sind dabei türöffnende Werkzeuge.

Genferseeregion profitiert mit 3,2 Milliarden CHF

Die Schweiz investiert 2019 112 Millionen CHF in das internationale Genf, um die Stadt als Zentrum der multilateralen Diplomatie zu stärken. Der Nutzen dieser Investition übersteigt die Kosten deutlich. Die finanziellen Vorteile betragen für die Genferseeregion jährlich rund 3,2 Milliarden CHF. Von dieser Summe profitiert die ganze Schweiz. Der Kanton Genf zahlte 2028 mit fast 300 Millionen CHF den dritthöchsten Betrag, neben Zürich und Zug, in den Nationalen Finanzausgleich ein.

Schweiz gestaltet Zukunft des internationalen Genf aktiv mit

Mit dem internationalen Genf hat sich die Schweiz in den letzten 100 Jahren weltweit als geschätzter Partner in der multilateralen Diplomatie etabliert. Millionen von Menschen profitieren von den unzähligen Entscheiden, welche die internationale Gemeinschaft in der Calvin-Stadt trifft. Die Dichte an Akteuren in Genf bedeutet die einmalige aussenpolitische Chance einer globalen Vernetzung, die der Schweiz die Möglichkeit gibt, das Weltgeschehen mitzugestalten. Mit den Trümpfen der Neutralität und ihrer Glaubwürdigkeit setzt sich die Schweiz ständig für eine erfolgsversprechende Positionierung von Genf in der Welt ein. Denn die globale Konkurrenz für Genf als Drehscheibe der multilateralen Diplomatie wächst.

Neben den Herausforderungen in der multilateralen Diplomatie oder der humanitären Hilfe bringt die technologische und wissenschaftliche Entwicklung neue Fragen auf das internationale Parkett. Wie geht die internationale Gemeinschaft mit den Konsequenzen von selbstfahrenden Autos, künstlicher Intelligenz oder der Digitalisierung um und wie werden diese reguliert? Diese Entwicklung greift auch die «Aussenpolitische Vision Schweiz 2018» auf. Genf könne sich von der Konkurrenz künftig abheben, indem es sich als führender Standort für innovative Gouvernanzformen etabliere, schreiben die Autoren des Berichts. Die Schweiz solle das Internationale Genf als führenden Standort der globalen Digitalisierungs- und Technologiedebatten positionieren.


Regelmässig reist Bundesrat Cassis zu bilateralen Gesprächen nach Genf. Hier mit UNO-Generalsekretär  Antonio Guterres. © EDA

«Diese neue Welt schafft Ängste, sie ändert das Verhalten der Menschen, sie beeinflusst die Arbeitsmärkte. Sie schafft auch unglaubliche Opportunitäten für die Menschheit. Welche ethischen Standards, welche Regulierungen sind hier nötig? Man muss die Wissenschaft verstehen und die Diplomatie kennen, um neue Wege einzuschlagen. Wo hätte man eine bessere Ausgangslage als in der Schweiz, insbesondere mit ihrer Genève internationale?»

Im Februar 2019 haben der Bund und der Kanton Genf mit Unterstützung der Stadt Genf die Stiftung «Geneva Science and Diplomacy Anticipator» (GSDA) gegründet, die Vertreter aus der Wissenschaft, der Diplomatie und der Privatwirtschaft an einen Tisch bringt. GSDA analysiert die Auswirkungen der technologischen Entwicklung auf die Gesellschaft und leistet einen Beitrag im Rahmen des internationalen Genf für die Lösung der neuen Problemstellungen des 21. Jahrhunderts.

Seit 1863 Gaststaat

Die Schweiz liegt mitten in Europa an den Hauptschlagadern des Verkehrs und schaut auf eine lange Tradition als Gaststaat internationaler Organisationen zurück. Die Gründung des IKRK im Jahr 1863 und die Unterzeichnung der ersten Genfer Konvention 1864 legten den Grundstein für das internationale Genf. Die beiden Weltkriege im 20. Jahrhundert machten die Forderung einer engen internationalen Zusammenarbeit deutlich. Der Völkerbund (1919) und die Vereinten Nationen (1945) wählten Genf als Standort aufgrund der Neutralität und der humanitären Tradition der Schweiz aus. Zahlreiche Organisationen, Institutionen und NGOs folgten diesem Vorbild. Weltgeschichte wurde in Genf geschrieben:

Internationale Organisationen in der Schweiz

1863

Internationales Komitee vom Roten Kreuz IKRK

1865

Internationaler Telegraphenverein, seit 1932 Internationale Fernmeldeunion ITU

​1874

​Allgemeiner Postverein, seit 1978 Weltpostverein WPV (Bern)

1893

​Zentralamt für den internationalen Eisenbahnverkehr, seit 1985 Zwischenstaatliche Organisation für den internationalen Eisenbahnverkehr OTIF (Bern)

​1919

​Völkerbund

1919

​Internationale Arbeitsorganisation IAO

1945

Organisation der Vereinten Nationen UNO

1948

Weltgesundheitsorganisation WHO

1951

​Weltorganisation für Meteorologie WMO

1954

Europäische Organisation für Kernforschung CERN

1970

Weltorganisation für geistiges Eigentum WIPO

1987

Bank für Internationalen Zahlungsausgleich BIZ (Basel)

1995

Welthandelsorganisation WTO – ehemals GATT

1996

Internationale Föderation der Rotkreuz- und Rothalbmondgesellschaften IFRC

2002

Globaler Fonds zur Bekämpfung von AIDS, Tuberkulose und Malaria GFATM

2009

Globale Allianz für Impfstoffe und Immunisierung GAVI

2015

Global Community Engagement and Resilience Fund GCERF

2016

Sekretariat des Vertrags über den Waffenhandel ATT


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