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Mai 02
Erfahrungsbericht: ein Schweizer Geologe im Einsatz in Jordanien

Die Schweiz ist regelmässig Schauplatz von Hochwasser, Murgängen, Erdrutschen und Steinschlägen. Schweizer Naturgefahrenmanagement ist deshalb in der ganzen Welt gefragt. Über die DEZA stellt die Schweiz ihre Expertinnen und Experten anderen Staaten zur Verfügung, die ähnlichen Risiken ausgesetzt sind. Das Fachwissen der Schweiz bedeutet in vielen Bereichen einen grossen Mehrwert und wird auf internationaler Ebene sehr geschätzt. Ein Bericht zu Jordanien – mit Stefan Tobler, Geologe und Mitglied des Schweizerischen Korps für humanitäre Hilfe.

«Meine Ankunft in Amman am 9. November 2018 verlief turbulent. Heftige Regenfälle in Jordanien hatten in Petra eine Sturzflut verursacht. Man kann also sagen, dass der wichtige Kongress, für den ich angereist war – über die Umsetzung des Risikopräventionssystems – buchstäblich ins Wasser fiel, weil viele Strassen überschwemmt und abgeschnitten waren. Wir mussten unser gesamtes Programm umstellen», erinnert sich der Experte Stefan Tobler.

Übertragbare schweizerische Checkliste

Jordanien wurde in den vergangenen Jahren von schweren Überschwemmungen heimgesucht. Allgemein kommen sie in bestimmten Regionen zu Beginn oder am Ende der Regenzeit saisonbedingt vor. Überschwemmungen und Sturzfluten sind in Jordanien heute noch die wichtigste Ursache von Todesfällen aufgrund von Naturkatastrophen. Zwischen 1980 und 2012 machten sie etwa 53% der katastrophenbedingten Mortalität aus.

Das «Buschtelefon» bleibt zwar ein effizientes Instrument, um die Bevölkerung vor Gefahren zu warnen, doch das 2014 von der DEZA eingeführte Frühwarnsystem hat auch dazu beigetragen, Leben zu retten. In der Felsenstadt Petra ertönten die Sirenen, und 4000 Touristen konnten evakuiert werden.

Stefan Toblers Auftrag in Jordanien umfasste mehrere Etappen. Die erste davon fand 2017 in der Region Aqaba mit einer Evaluation des Systems zur Eindämmung von Sturzfluten statt. Das Frühwarnsystem wird in Zusammenarbeit mit der lokalen Koordinations- und Entwicklungsorganisation ADC (Aqaba Development Corporation) ausgebaut. Die ADC hatte bereits erste wichtige Schutzmassnahmen entlang der Küste und im Wadi Yutum ergriffen, um dessen Schwemmkegel mit 32 Staudämmen im Einzugsbecken und mit einem Umleitungskanal bei der Talmündung zu sichern. Der Experte hatte Empfehlungen formuliert, wie die bestehenden Bauwerke in gutem Zustand erhalten werden können, und war dann in die Schweiz zurückgekehrt.

2018 reiste Stefan Tobler erneut nach Jordanien, um die laufenden Tätigkeiten zu beobachten und die DEZA sowie die Vertreter der ADC bei der Einführung eines Protokolls zur Risikoprävention zu begleiten, wobei er dieses Mal auf der Bedeutung der Wartung beharrte. «Die Jordanier hatten mit dem Kauf von technischem Material und dem Bau von Hochwasserschutzbauten und -dämmen bereits gute Vorarbeit geleistet, aber deren Wartung war mehr oder weniger vernachlässigt worden. Heute sind sie dafür sensibilisiert, dass das Material und die Infrastruktur in gutem Zustand erhalten werden müssen. Die zahlreichen Touristen und die starke Konzentration der Industrie in diesem Landesteil bedeuten eine Kombination mehrerer ernstzunehmender Risiken», erklärt er.

«Unsere Empfehlungen orientieren sich weitgehend an den vom Bundesamt für Strassen angeordneten Schutzmassnahmen. Die schweizerische Checkliste zur Inspektion unserer Schutzmassnahmen eignet sich in angepasster Form sehr gut für die jordanischen Verhältnisse», so Stefan Tobler.

Grundwasser in Gefahr

«Während meines Einsatzes wurde ich auch gebeten, nach einer Lösung zur Verbesserung der Grundwassersituation in der Gegend von Aqaba zu suchen. Die natürlichen Wasserreserven wurden in den letzten 20 Jahren so stark beansprucht, dass Jordanien heute mit einem gravierenden Wassermangel kämpft. Die Leute hoffen, dass sich die Grundwasserreserven mit dem Ausbau der Staudämme bei Regenfällen spürbar erholen werden», erklärt der Geologe. «Nach meiner Meinung kommen Hochwasser heute zwar nicht mehr häufig genug vor, um die natürlichen Wasserreservoirs systematisch aufzufüllen, aber bleiben wir optimistisch».

Autorin: Isabelle Alexandrine Bourgeois

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