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Apr 16
Wenn das Zuger Crypto Valley auf die UNO trifft, gewinnt die nachhaltige Entwicklung

Fast ein Zauberwort: Blockchain. Alle reden darüber, aber wer weiss, worum es geht, der hebe die Hand!

Im Zuger Crypto Valley ist die Dichte der Personen, die aufstrecken können, bemerkenswert: Der Kanton hat ein besonders fruchtbares Umfeld für Unternehmen im digitalen Bereich, insbesondere Blockchain-Firmen, geschaffen. Nahezu 500 Start-ups profitieren hier von Bedingungen, die Austausch und Wachstum begünstigen. Mit überwältigendem Erfolg: Das Crypto Valley reicht heute weit über die Grenzen des Kantons hinaus.

Genf wiederum bietet ein einzigartiges Umfeld, um nach Lösungen für globale Herausforderungen zu suchen. Auf einer Fläche von 10 km2 trifft man hier auf rund vierzig internationale Organisationen, darunter die UNO, Hunderte von NGO, ein Hochschulzentrum von Weltruf und einen Privatsektor, der zunehmend daran interessiert ist, einen Beitrag zur nachhaltigen Entwicklung zu leisten.

Auf Initiative des EDA, das den Einsatz neuer Technologien im Dienste der Menschheit fördern will, ist es zu einer Begegnung dieser beiden auf den ersten Blick grundverschiedenen Welten gekommen.

In Zusammenarbeit mit Kolleginnen und Kollegen aus Kanada und Jamaika haben Schweizer Diplomaten einheimische Krypto-Experten und internationale Fachleute für nachhaltige Entwicklung zusammengeführt, um Fragen wie diesen nachzugehen: Kann die Blockchain durch die Transparenz, Dezentralisierung und Effizienz, die sie mit sich bringt, die humanitäre Arbeit verändern? Kann sie die finanzielle und soziale Integration von Flüchtlingen durch Geldüberweisungsprojekte oder digitale Identitäten verbessern? Ist sie die Lösung, um die Wirkung von Programmen und Projekten kostengünstig zu messen?

Der humanitäre Bereich befindet sich in einem tiefgreifenden Wandel. Die Hilfsempfänger, die sich über soziale Netzwerke in Echtzeit zu Wort melden, haben heute einen unmittelbaren Einfluss auf die humanitäre Arbeit. Sie verlangen mehr Rechenschaftspflicht, ebenso wie die Geber.

Ausserdem ist der Bedarf viel grösser als die zur Verfügung stehenden Mittel. Die Blockchain eröffnet wie andere digitale Instrumente vielversprechende Möglichkeiten zur Verbesserung der Effizienz, der Wirksamkeit und der Transparenz des Mitteleinsatzes, und sie kann dazu beitragen, die Lücke zwischen dem Bedarf und den vorhandenen Mitteln zu verringern.

Diese Erkenntnis führte im vergangenen September zu einem ersten Besuch internationaler Diplomatinnen und Diplomaten in Zug und im März zu dem Treffen im Palais des Nations in Genf. Ziel: Schweizer Technologie-Start-ups sollen im Dienste der Ziele für nachhaltige Entwicklung (SDG) der Agenda 2030 der Vereinten Nationen in die multilaterale Arbeit einbezogen werden.

Bei diesen Treffen wurden mehrere Projekte vorgestellt und analysiert. Ein paar Beispiele:

Digitale Identität

Ein Zürcher Start-up zeigte auf, wie es durch die Bereitstellung von digitalen Identitätslösungen einen Beitrag zur Agenda 2030 leisten will. Flüchtlinge haben oft keine oder keine offiziellen Dokumente mehr. Daher ist es unerlässlich, ihnen wieder eine (gegebenenfalls digitale) Identität zu geben, damit sie beispielsweise Geld erhalten oder an die Familie in der Heimat überweisen können.

Dank der Blockchain ist dies ohne Weiteres möglich, aber die politischen Auswirkungen sind enorm. Ebenso wie die Manipulationsgefahr. Die Herausforderung besteht darin, Systeme zu entwickeln, die sicher – d.h. vor Hacking- und Malware-Angriffen geschützt – sind, und nicht von einer einzigen kommerziellen oder politischen Instanz kontrolliert werden.

Der Schutz der Privatsphäre und der Personendaten stellt für jede Gesellschaft eine Herausforderung dar. In Krisensituationen kommt diesen allerdings eine noch grössere Bedeutung zu. Man wagt nicht, daran zu denken, was passieren würde, wenn ein diktatorisches Regime mit einem Mausklick seine Gegner – Oppositionelle in der Diaspora – aufspüren und deren Identität zerstören könnte.

Geldüberweisungen und Transparenz

Die digitale Identität steht auch im Mittelpunkt von Barzahlungsprojekten, bei denen die Begünstigten selbst entscheiden können, wie sie das Geld ausgeben wollen. Ein wichtiger Schritt bei solchen Projekten ist die Identifizierung der Begünstigten, auch wenn sie keine offiziellen Dokumente besitzen.

Angesichts dieser neuen Möglichkeiten hat die Internationale Föderation der Rotkreuz- und Rothalbmondgesellschaften (IFRC) ein Pilotprojekt durchgeführt, das die Blockchain zur Automatisierung von Bargeldtransfers mit einem in Kenia weit verbreiteten mobilen Zahlungssystem nutzt. Für die Organisation bedeutet dies einen erheblichen Effizienzgewinn. Darüber hinaus ist die IFRC dank der Unveränderbarkeit der Daten in der Blockchain auch in der Lage, die Verwendung der Mittel zu verfolgen.

Wirkungsüberwachung

Die Blockchain erleichtert die Datenerhebung für die Projektüberwachung im Echtzeitbereich. Dadurch können die Monitoringkosten stark gesenkt werden. Eine Stiftung mit Sitz in Freiburg präsentierte ein Projekt zur Wiederansiedlung von Bisons in Rumänien, bei dem die Mitglieder der lokalen Gemeinschaft durch die Vergabe von Token ermutigt werden, Fotos und Informationen über die Tiere zu sammeln und auszutauschen. Als Ergebnis davon können die Bisons und ihre Anpassung an die neue Umgebung genau beobachtet werden. Mit den Token kann die lokale Bevölkerung soziale Projekte unterstützen, die der Gemeinschaft zugutekommen.

Wertschöpfungsketten

Eine Genfer Plattform ist im Bereich der Rückverfolgbarkeit von Gütern und Dienstleistungen tätig. Lieferketten sind oft extrem undurchsichtig; mit einer Kombination von konventionellen Methoden und Blockchain-Technologie bietet die Plattform End-to-end-Sichtbarkeit über die ganze Lieferkette hinweg. Auf diese Weise fördert sie die Achtung der Menschenrechte und ethisches Verbraucherverhalten.

Die Plattform beabsichtigt, ihre Gespräche mit Jamaika über eine mögliche Partnerschaft zur Anwendung der Rückverfolgbarkeit der Blockchain auf die Zuckerwirtschaft fortzusetzen. Dies ist nur ein Beispiel für die Kooperationen, die aufgrund des Treffens im Palais des Nations entstanden sind. Dieses dürfte kein Einzelfall bleiben.

Die UNO arbeitet an einem Netzwerk, das die verschiedenen Innovationsagenturen verbindet. Und die anwesenden Start-ups haben das ethische und wirtschaftliche Potenzial der Technologie im Dienste der Menschheit erkannt.

Für diejenigen schliesslich, die noch nicht aufgestreckt haben: Die Blockchain ist eine Datenbank, die sämtliche Transaktionen zwischen ihren Nutzern seit ihrem Beginn umfasst. Sie ermöglicht die transparente, sichere Speicherung und Übermittlung von Informationen ohne zentrale Kontrollstelle. Der Mathematiker Jean-Paul Delahaye beschreibt sie anschaulich als «ein grosses Notizbuch, das für alle frei zugänglich ist, in das jeder schreiben kann, das aber unmöglich zu löschen und unzerstörbar ist». Alles klar?

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