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Feb 05
Künstliche Intelligenz, Menschenrechte und die UNESCO

Künstliche Intelligenz (KI) verspricht in vielerlei Hinsicht eine bessere Welt. Sie kann aber auch die Probleme verschärfen, die mit der Digitalisierung der Gesellschaft einhergehen, insbesondere wenn Wirtschaftsdenken und Rentabilität im Vordergrund stehen.

Die Gefahr unkontrollierter Entwicklungen ist reell. Ein kollektives Engagement gegen diese Risiken erfordert einen Austausch über die Entwicklungsziele sowie Kontrollmechanismen zu ihrer Begleitung.

Hier kann die UNESCO einen Beitrag leisten und auch die Schweiz kann eine wertvolle Rolle spielen.

Risiken der künstlichen Intelligenz

Wenn der Profit und nicht der Mensch im Zentrum der technologischen Entwicklungen steht, kann dies nur zu Lasten des allgemeinen Interesses und des Gemeinwohls gehen, was die Ungleichheiten verschärft und die Menschenrechte bedroht. Wer die digitale Infrastruktur kontrolliert, kann ein Einheitsdenken zur Gleichschaltung der Köpfe und zur Normierung der Verhaltensweisen grossflächig verbreiten. Eine computergestützte, automatisierte Bildung kann die Gleichmacherei verstärken und möglicherweise einen Verlust der kulturellen Vielfalt bewirken.

Künstliche Intelligenz (KI) kann auch im Krieg eingesetzt werden, Stichwort Cyberangriffe oder Killerroboter. Nur wenige Staaten und grosse private Akteure verfügen über eine solche technologische Schlagkraft. Da diese neuen Technologien das Potenzial haben, das menschliche, soziale und kulturelle Ökosystem zu zerstören, könnte analog zum Straftatbestand des Völkermords ein neuer Begriff des «technologischen Mords» eingeführt werden.

Wir müssen dringend handeln um sicherzustellen, dass die Technologien die grundlegenden Menschenrechte besser achten. Wir müssen für die Anerkennung spezifischer digitaler Menschenrechte sorgen, etwa des Rechts auf Nichterreichbarkeit oder des Rechts zu wissen, ob man mit einer künstlichen Intelligenz interagiert.

«Wir müssen dringend dafür sorgen, dass die Technologien die grundlegenden Menschenrechte besser achten.»
Prof. Solange Ghernaouti

Künstliche Intelligenz hält zunehmend Einzug in unser Leben. Sie steckt zwar noch in ihren Anfängen, doch die Perspektiven sind schwindelerregend, zum Guten wie zum Schlechten. Die Gefahr unkontrollierter Entwicklungen ist reell. Ein kollektives Engagement gegen diese Risiken erfordert einen Austausch über die Entwicklungsziele sowie Kontrollmechanismen zu ihrer Begleitung. Wir sind gezwungen, über die Zukunft und die Grenzen von Wissenschaft und Liberalismus nachzudenken.

Die UNESCO kann einen Beitrag dazu leisten und Antworten auf die Herausforderungen erarbeiten, die die digitale Transformation einer hyperkonnektiven Welt mit sich bringt.

Die UNESCO als Akteurin des technologischen Fortschritts

Die nach dem Zweiten Weltkrieg gegründete Organisation der Vereinten Nationen für Erziehung, Wissenschaft und Kultur (UNESCO) hat den Auftrag, einen Beitrag zum Aufbau des Friedens, zur Beseitigung der Armut, zur nachhaltigen Entwicklung und zum interkulturellen Dialog zu leisten. Die Bewahrung unseres Planeten und seiner kulturellen Vielfalt sowie die Achtung der Menschenrechte stehen im Zentrum ihres Engagements. Die UNESCO muss sich weiterhin um die dringenden globalen Probleme kümmern, die in der Agenda 2030 der Vereinten Nationen zusammengefasst sind.

Die UNESCO kann technologische Entwicklungen unterstützen, die der nachhaltigen Entwicklung, dem Frieden, der Bekämpfung von Diskriminierung und Armut dienen, und Projekte in den Bereichen Verantwortlichkeit und Achtung der Menschenrechte fördern.

Künstliche Intelligenz kann helfen, die Ziele der Agenda 2030 zu erreichen, sofern es gelingt, folgende Risiken zu meistern:

  • Verlust an Souveränität und Handlungsfreiheit, Schwächung der demokratischen Staaten und der internationalen Dialog- und Regulierungsmechanismen (vor allem durch die Finanzierungsprozesse der stärksten Akteure und deren pseudohumanitären Diskurs, denn zwischen dem Marketingspeak der Technologieanbieter und der Realität besteht oft eine Diskrepanz)
  • fehlende Nachhaltigkeit der elektronischen Geräte
  • ökologische Fragen (seltene Erden, Abfallentsorgung, Energieverbrauch)

Im Umgang mit den neuen Formen von Gewalt, die auf digitalen Technologien und künstlicher Intelligenz beruhen, braucht es einen starken politischen Willen und zweifellos auch eine «verbindliche Ethik» für Akteure mit spezifischen Entscheidungsbefugnissen.

Die Schweiz als Referenz?

Die Schweiz hat mehrere Möglichkeiten, sich für eine sichere («secure by design»), offene und transparente («open source») sowie inklusive künstliche Intelligenz einzusetzen, insbesondere indem sie diese den Entwicklungsländern zur Verfügung stellt.

Die Schweiz könnte sich als Referenzland positionieren, sich mit der Zertifizierung von Produkten und Dienstleistungen im Bereich künstlicher Intelligenz einen Namen machen und ein Qualitätslabel anbieten, das beispielsweise die Menschenrechtsverträglichkeit einer künstlichen Intelligenz bescheinigt.

Die Schweiz könnte also helfen sicherzustellen, dass die Produkte überprüft, getestet und zertifiziert werden, damit die Menschheit sie in voller Kenntnis der Sachlage nutzen oder darauf verzichten kann. Sie könnte auf die Errichtung eines zusätzlichen internationalen NBIC-Ethikausschusses (Nanotechnologie, Biotechnologie, Informationstechnologie und Neurowissenschaften) nach dem Vorbild des Internationalen Bioethik-Komitees und der Weltkommission für Ethik in Wissenschaft und Technologie (COMEST) der UNESCO hinwirken und sich für dessen Sitz zur Verfügung stellen.

Angesichts ihrer Geschichte, ihrer Rolle im internationalen Dialog, ihrer Neutralität und ihrer Stabilität hat sich die Schweiz schon im 20. Jahrhundert für den Frieden eingesetzt. Durch die strategische Begleitung der technologischen Fortschritte und der dadurch bedingten Veränderungen, insbesondere der Entwicklungen im Bereich der künstlichen Intelligenz, könnte die Schweiz auch im 21. Jahrhundert einen wertvollen Beitrag zur Erhaltung des Friedens leisten.

Von Prof. Solange Ghernaouti, Mitglied der Schweizerischen UNESCO-Kommission für digitale Fragen.

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