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Nov 28
Menschenrechte: Starke Filme reisen um die Welt

An Schweizer Botschaften werden zur Feier des 70. Jahrestags der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte Dokumentar- und Spielfilme gezeigt. Weltweit gibt es immer noch zu viele Menschenrechtsverletzungen und Missbräuche. Die internationale Tournee soll eine Debatte lancieren und Menschenrechtsverteidigerinnen und Menschenrechtsverteidigern eine Stimme geben.

Wie kann die Geschichte von Nora, einer Schweizerin, die sich in den 1970er-Jahren für das Frauenstimmrecht einsetzte, dazu beitragen, die Menschen in Honduras oder der Demokratischen Republik Kongo für die Menschenrechte zu sensibilisieren? Oder wie kann die Geschichte der Genfer Anwälte, die unermüdlich Kriegsverbrecher aufspüren, Diskussionen in Pakistan oder der Ukraine auslösen?

2018 führt das Internationale Filmfestival und Forum für Menschenrechte (FIFDH), das gemeinsam mit dem UNO-Hochkommissariat für Menschenrechte (OHCHR) und dem Eidgenössischen Departement für auswärtige Angelegenheiten (EDA) organisiert wird, eine ganzjährige Welttournee durch. Etwa vierzig Botschaften zeigen einen von sechs Filmen, die auf dem Programm stehen (Liste), und führen anschliessend eine Diskussion durch. Das Festival ermöglicht es einem breiten Publikum, Filme über Frauenrechte, Flüchtlinge, Migration, die Todesstrafe, Intoleranz und die universelle Gerichtsbarkeit zu schauen.


©FIFDH

Das Schweizer Frauenstimmrecht als Ausgangspunkt für eine Debatte

Der Film Die göttliche Ordnung (2017) von Petra Volpe über das Frauenstimmrecht in der Schweiz wurde unter anderem von den Schweizer Botschaften in Honduras, Bosnien und Herzegowina und der Demokratischen Republik Kongo gewählt. Der Film spielt zwar in der Vergangenheit, ist aber immer noch aktuell.

«Obwohl die Honduranerinnen das Stimmrecht schon lange vor den Schweizerinnen erhalten haben, sind Frauenrechte immer noch ein wichtiges Thema im Land. Die Mordrate bei Frauen gehört zu den höchsten in Lateinamerika, und über 90 Prozent der Frauenmorde gehen straflos aus. Abgesehen davon, dass der Film ein guter Aufmacher war, um über Frauenrechte zu diskutieren, hat er auch gezeigt, dass auch die Schweiz manchmal Probleme mit den Menschenrechten hat», erklärt Sarah Jensen von der Schweizer Botschaft in Honduras.

Die Schweizer Vertretung in Bosnien und Herzegowina sagt ihrerseits: «Achtzig Personen nahmen an der Diskussion teil, davon 10 Prozent Männer. Sogar der Bürgermeister von Trebinje war angereist. Es war ein starkes Zeichen der Männer für die Rechte der Frauen. Die Partizipation der Frauen am öffentlichen Leben war aufgrund der allgemeinen Wahlen 2018 besonders aktuell.» Die Frauen sind in diesem Land politisch immer noch schlecht vertreten. Laut den vorläufigen Ergebnissen ist die Zahl der gewählten Frauen 2018 zurückgegangen. Von den 42 Mitgliedern des Abgeordnetenhauses von Bosnien und Herzegowina sind sechs Frauen, das heisst vier weniger als in der vorigen Amtszeit.

In Kinshasa in der Demokratischen Republik Kongo förderte der Film den Austausch über Frauenrechte. Stephan Schmid, stellvertretender Missionschef, erzählt: «Die Diskussion konzentrierte sich auf die Gleichberechtigung und die Diskriminierung von Frauen. Die Leiterin einer NGO erwähnte zum Beispiel, dass Afrika im Gegensatz zur Schweiz, die das Frauenstimmrecht erst 1971 eingeführt hat, auf dem Papier sehr fortschrittlich ist, dass bei der Anwendung der Gesetze aber noch sehr viel zu tun bleibt.» Die Kongolesinnen besetzen zum Beispiel weniger als zehn Prozent der Sitze in der Nationalversammlung.

Debatte über Straflosigkeit und Ungerechtigkeit von Afghanistan bis zur Ukraine

In Pakistan, Afghanistan, in der Ukraine und im Südsudan wurde Chasseurs de crimes (2014) von Nicolas Wadimoff und Juan José Lozano gezeigt. Der Film behandelt das Thema Kriegsverbrecher, Straflosigkeit und Ungerechtigkeit.

Für den Südsudan war die Vorführung eines solchen Films eine Herausforderung. Die jüngsten Konflikte haben Zehntausende von Toten gefordert, und Millionen von Menschen wurden vertrieben. Die Botschaft im Südsudan erklärt: «Wir waren zuerst der Auffassung, dass der Film für unseren Kontext zu heikel ist. Aber er wirft sehr relevante Fragen im Zusammenhang mit der internationalen Strafgerichtsbarkeit und der Transitionsjustiz auf. Das kürzlich verabschiedete Friedensabkommen im Südsudan sieht die Schaffung eines Sondertribunals, einer Wahrheits-, Versöhnungs- und Heilungskommission und einer Wiedergutmachungsbehörde vor. «Chasseurs de crimes» war für uns der relevanteste Film, da er einen guten Ansatzpunkt für Diskussionen im Zusammenhang mit dem Abkommen bot.»

In der Ukraine, wo heute 60’000 Personen inhaftiert sind, ging es in der Debatte um Frieden und Gerechtigkeit. Nataliia Sorokina, Friedens- und Menschenrechtsbeauftragte an der Botschaft, erklärt: «In den letzten Jahren gab es in der Ukraine ziemlich häufig Ereignisse mit Bezug zu den Menschenrechten. Der Film weist Parallelen zum ukrainischen Kontext auf, der durch den Friedensprozess im Rahmen der Minsker Abkommen sowie durch die Gesuche der Ukraine an den Internationalen Strafgerichtshof geprägt ist.»

Bei der Filmvorführung in Islamabad, an der Schweizer Botschaft für Pakistan und Afghanistan, wurde über den weltweiten Kampf für die Menschenrechte diskutiert. «Die Universalität der Rechte wurde bezweifelt, ja infrage gestellt. Die Teilnahme von Jugendlichen an der Debatte war sehr ermutigend. Als das kontroverse Thema der Todesstrafe angesprochen wurde, brachte sich das Publikum sehr stark ein», sagt Bernhard Furger, Schweizer Botschafter in Islamabad.


Der Einsatz für die Menschenrechte geht uns alle an

Die Botschaft in Mexiko entschied sich für den Dokumentarfilm La Prenda von Jean-Cosme Delaloye, der sich mit Straflosigkeit, Sexualverbrechen und Migration befasst. Auch dieser Film weist Parallelen zur mexikanischen Realität auf. Gemäss Regierungszahlen war 2017 mit 25’339 Morden das blutigste Jahr in Mexiko seit 1997. Während der Debatte nach der Filmvorführung fragte ein Junge, wie man die Durchsetzung der Menschenrechte fördern könne. «Lernt möglichst viel über Menschenrechte, lest die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte, verinnerlicht eure Rechte, verteidigt sie, und ihr werdet Ergebnisse sehen!», antwortete ein ehemaliger Präsident des UNO-Ausschusses über das Verschwindenlassen, der an der Veranstaltung teilnahm.

Die Vorführungen waren weltweit gut besucht. Die Diskussionen wurden inspiriert durch aktuelle Ereignissen und die Fortschritte und Herausforderungen, die die grundlegenden Menschenrechte für alle darstellen. Es wurden zahlreiche Fragen gestellt. Vielen wurde bewusst, dass sie sich gemeinsam engagieren müssen, um diese universellen Rechte einzufordern oder die erzielten Fortschritte zu verteidigen.

«Wo auch immer man lebt, die Achtung der Menschenrechte ist nicht selbstverständlich. Es geht nicht um ein Thema, das nur die weniger entwickelten Länder betrifft. Die gewöhnlichen Menschen müssen ihre Rechte verteidigen, damit sich etwas verändert», erklärt noch einmal die Botschaft in Honduras.

Das FIFDH ist ein langjähriger Partner des EDA. Es teilt in verschiedener Hinsicht die Prioritäten der Schweizer Aussenpolitik im Bereich der Menschenrechte, so zum Beispiel das Engagement für die Stärkung der Rolle der Zivilgesellschaft und den Schutz der Menschenrechtsverteidiger. Mit der Unterstützung der internationalen Tournee des FIFDH nutzt das EDA Schweizer Filme als Gelegenheit, um sein Profil im Bereich der Menschenrechte zu schärfen, seine Schwerpunkte im Bereich der Menschenrechte zu erörtern und eine öffentliche Debatte über diese Fragen anzuregen.


Die Schweiz und die Menschenrechte

Das Filmfestival für Menschenrechte verfolgt dieselben Ziele wie die Schweiz, die sich auf internationaler Ebene für ihre Werte – Frieden, Dialog und Humanismus – einsetzen will. Auch in der Schweiz hat sich der Schutz der Menschenrechte seit der Verabschiedung der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte 1948 tiefgreifend verändert. Das Land blieb von Herausforderungen nicht verschont.

Frauenstimmrecht

7. Februar 1971: Die Schweizer Bürger nehmen 53 Jahre nach Deutschland, 52 Jahre nach Österreich, 27 Jahre nach Frankreich und 26 Jahre nach Italien das eidgenössische Stimm- und Wahlrecht für Frauen an. (Quelle)

Todesstrafe

In der Schweiz wird das bürgerliche Strafgesetzbuch, das die Abschaffung der Todesstrafe vorsieht, 1937 verabschiedet, es tritt aber erst 1942 in Kraft. 1992 wird die Todesstrafe auch aus dem Militärstrafrecht gestrichen. (Quelle)

Inhaftierung

Am 6. September 2017 waren 477 Jugendliche nach Begehung einer Straftat ausserhalb ihrer Familien platziert, was im Vergleich zum Vorjahr einem Anstieg um 1,5 Prozent entspricht. (Quelle)

Zwangsheirat

Von Anfang 2015 bis Ende August 2017 wurden den Behörden 905 Fälle von Zwangsheirat gemeldet. 83 Prozent der Betroffenen waren Frauen und 17 Prozent Männer. Als häufige Herkunftsländer der Zwangsverheirateten gelten in der Schweiz der Kosovo, Sri Lanka, die Türkei, Albanien und Mazedonien. (Quelle)

Häusliche Gewalt

Im Jahr 2017 registrierte die Polizei 17’024 Straftaten im Bereich häusliche Gewalt. In 70 Prozent der Fälle waren die Opfer Frauen. (Quelle)

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