Sign In
Sep 04
«JOBS» ein neues Fach in rumänischen Schulen

​Rumänien leidet an einem Mangel an qualifizierten Arbeitskräften und gleichzeitig an hoher Jugendarbeitslosigkeit. Der Grund dafür liegt im rumänischen Bildungssystem, das nicht auf den Arbeitsmarkt ausgerichtet ist. Nach der Schule sind junge Rumäninnen und Rumänen nicht genügend qualifiziert für den Arbeitsmarkt. Das innovative Schweizer Bildungsprojekt JOBS soll dies ändern.

JOBS steht für Job Orientation Training in Businesses and Schools («Berufsorientierung und Vorbereitung in Unternehmen und Schulen»). Das Projekt soll junge Menschen in der Berufswahl unterstützen, sie für den Arbeitsmarkt rüsten und den Übergang von der Schule in die Berufswelt erleichtern.

Seit dem EU-Beitritt 2007 hat sich die Wirtschaft Rumäniens entwickelt und die Anforderungen des Arbeitsmarkts sind gestiegen. Gleichzeitig haben der Trend zum Universitätsstudium im Ausland, die Abwanderung nach Westeuropa, sowie eine unzureichende Berufsbildung dazu geführt, dass in Rumänien qualifizierte Berufsleute fehlen. Oft kehren die frisch Ausgebildeten nach dem Studium im Ausland nicht zurück und die Jugendlichen, in Rumänien selbst, finden wegen mangelnder Qualifikation keine passende Stelle.


Arbeitslosigkeit und Bildungsabschlüsse junger Menschen – Rumänien und Europäische Union

Jugendarbeitslosigkeit 18-24-Jährige (2018, eurostat.de)19,3%15,3%
18-24-Jährige mit max. unterem Sekundar-schulabschluss (2017, statistica.de)​18,1%10,6%
​30-34-Jährige mit tertiärem Bildungs-abschluss (2017, statistica.de)26,3%​39,9%


Ein schweizerisch-rumänisches Bildungsprojekt

 Betriebsbesuch von Lernenden ©PHZH-IPE, Project JOBS Romania.

Das innovative Lehr- und Lernkonzept des Schweizer Projekts JOBS hilft rumänischen Jugendlichen, in der Berufswelt Fuss zu fassen: Über 10'000 Lernende sind in ihrer Berufswahl weitergekommen und 500 Firmen haben ihre Türen für Schnupperlehren geöffnet. 800 Lehrpersonen in 180 Schulen wurden ausgebildet. Das Projektbudget 2012–2018 beträgt 2'116'280 CHF. Es ist Teil des Schweizer Beitrags an die erweiterte EU.

Für die Umsetzung des DEZA-Projekts sind das rumänische Bildungsministerium und die Abteilung International Projects in Education (IPE) der Pädagogischen Hochschule (PH) Zürich eine Partnerschaft eingegangen.



Dr. Corinna Borer von der Pädagogischen Hochschule Zürich und Projektleiterin von JOBS berichtet von der Projektarbeit in Rumänien

©Corinna Borer

«Im Projekt JOBS geht es darum, die Jugendlichen auf die Anforderungen des lokalen und europäischen Wirtschaftsmarkts vorzubereiten. Die Berufsbildung existiert in Rumänien nur sehr marginal, rein theoretisch und ohne Praxisbezug. Es gibt in der Grundbildung keine staatlichen Angebote wie: Berufswahlzentrum, Zukunftstag oder Schnupperlehre. Wir von der PH Zürich sind der Ansicht, dass die Voraussetzung für eine qualitativ gute Berufsbildung schon in der Primarschule beginnt. Teil des Erfolgs des Schweizer Bildungssystems ist die Arbeit, die schon auf dieser Stufe geleistet wird. Die Kinder können Erfahrungen sammeln und lernen sich selber zu reflektieren – eine wichtige Voraussetzung, um sich später für einen Beruf entscheiden zu können.»

 

«life skills»entwickeln

«JOBS ist der Name des Projekts aber auch ein Unterrichtsfach. In den JOBS-Lektionen wird jedoch nicht nur Berufswahlkunde vermittelt», erklärt die Projektmanagerin, «es geht um eine innovative Lehr- und Lernmethode: Die Schülerinnen und Schüler sollen aktiv werden und ihre eigenen Kompetenzen nutzen. Sie entwickeln eben life skills. Das sind Fähigkeiten, die in der Wirtschaft und Gesellschaft tatsächlich gebraucht werden wie: wo finde ich Informationen, wie treffe ich Entscheidungen?»

 

Sichtbare Effekte

«Obwohl es zuerst schwierig war, den Kontakt zu den Firmen herzustellen, haben viele Betriebe ihre Türen für Schnupperpraktika geöffnet.» Frau Borer betont, dass es nicht darum gehe, das Schweizer System der Lehre in Rumänien einzuführen, sondern darum, dem Bildungsministerium ein innovatives Lehr- und Lernkonzept anzubieten. «Wir haben in einem partizipativen und kooperativen Ansatz abgeklärt, welche Kompetenzen es braucht und mit zwei rumänischen Pilotschulen Lehrmaterialien entwickelt. Die Lernziele des JOBS-Fach sind jetzt fest im Lehrplan integriert und Rumänien hat in diesem Jahr die gesetzliche Grundlage für ein duales Bildungssystem geschaffen.»

 


Schülerzentriertes Lernen im JOBS-Unterricht ©PHZH-IPE, Project JOBS Romania

«Unsere Lehr- und Lernkonzepte wurden in Rumänien sehr gut aufgenommen – es geht um einen Austausch, von dem auch die Schweiz profitiert. Das Projekt wurde um ein Jahr, bis 2019 verlängert mit dem Ziel, neben der Weiterbildung auch in die Ausbildung von Lehrpersonen zu investieren. Das wäre für das Projekt sehr nachhaltig», schliesst Dr. Borer mit Überzeugung.
 

JOBS aus der Sicht der Berufsschullehrerin und Psychologin in Brasov, Rumänien: Anca Urduzan

©Anca Urduzan


Wie erleben Sie das rumänischen Bildungssystem?

Ich habe viele Reformen im Bildungssystem miterlebt, aber keine war nachhaltig. Alle waren importiert und wurden ohne Einbezug der lokalen Kultur und Geschichte eingeführt. Eine Schwierigkeit ist auch, dass die Ausbildung ausschliesslich Sache des Staates ist. Die Eltern sind, von Anfang an, überhaupt nicht in die schulische Laufbahn ihrer Kinder involviert.

Was hat sich durch das JOBS-Projekt verändert?

Durch die Projektarbeit habe ich verstanden, wie wichtig es ist, dass sich die Lernenden für ihre eigene Entwicklung verantwortlich fühlen. Sie müssen Teil und nicht das Produkt des Lernprozesses sein. Sich selber in den Berufswahlprozess einzubringen hat ihnen neue Perspektiven eröffnet.

Erweiterungsbeitrag seit 2007

Das Bundesgesetz über die Zusammenarbeit mit den Staaten Osteuropas (Bundesgesetz Ost) wurde im November 2006 an der Urne genehmigt. Im Juni 2007 genehmigte das Parlament einen Rahmenkredit von einer Milliarde CHF für die 2004 der EU beigetretenen zehn Staaten. Im Dezember 2009 stimmte es einem zweiten Rahmenkredit von 257 Millionen CHF für die 2007 beigetretenen Länder Bulgarien und Rumänien zu. Im Dezember 2014 folgte der Entscheid für 45 Millionen CHF zugunsten von Kroatien, das am 1. Juli 2013 der EU beigetreten war.

Film: Perspektiven für Jugendliche in Osteuropa

 


Comments

There are no comments for this post.