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Jun 27
Frauen & Menschenrechte: Interview mit der kolumbianischen Anwältin Luz Estella Romero

​2018 wird der 20. Jahrestag der Erklärung zu den Menschenrechts-verteidigerinnen und -verteidigern der Vereinten Nationen begangen. Aus diesem Anlass würdigt die Schweiz Frauen, die die Menschenrechte verteidigen.

Ein Gespräch mit einer aussergewöhnlichen Frau: Luz Estella Romero. Die kolumbianische Juristin ist in Baranoa und in Rodadero in der Region Caribe aufgewachsen. Diese Region wird vom Drogenhandel beherrscht und ist von polizeilicher Repression und grossen sozialen Ungleichheiten geprägt. Die stark engagierte Luz studierte Rechtswissenschaften an der staatlichen Universität Barranquilla und setzte ihre Ausbildung anschliessend am Institut für Menschenrechte an der Universität La Plata, Argentinien, fort. Heute leitet sie das Colectivo Mujeres al Derecho, eine kolumbianische Organisation zur Förderung der Rechte der Frau.

Frau Romero, worin gründet Ihr Engagement? Gibt es wichtige Persönlichkeiten in Ihrer Familie oder in der kolumbianischen Gesellschaft, die Sie inspiriert haben?

Ich hatte ein Beispiel für Engagement zuhause, mein Vater hat sich als Gewerkschafter lange für die Rechte der Arbeiter eingesetzt.

Auch mein Umfeld hat mich sehr beeinflusst. Die humanitäre Lage in der Region Caribe, wo ich aufgewachsen bin und noch immer lebe, ist seit den 80er-Jahren und auch heute noch durch den kolumbianischen Konflikt mit Tausenden von Vertriebenen und Hunderten von Morden geprägt.

Ich war Zeugin der Ungerechtigkeit. Deshalb wollte ich über das Recht Bescheid wissen und dieses in den Dienst der Männer und Frauen stellen. Die Ungleichheit sollte ein Katalysator für Veränderungen für alle sein.

Seit 2003 leite ich die Organisation Colectivo Mujeres al Derecho (COLEMAD). Unserem Team gehören viele engagierte Frauen an. Im Mittelpunkt unserer Arbeit steht in erster Linie die Verteidigung des Rechts auf Landbesitz für kolumbianische Frauen.

Ihre Organisation verteidigt das Recht auf Landbesitz in einem schwierigen Umfeld in Kolumbien. Wie gelingt es Ihnen, bei Ihrer Arbeit Fortschritte zu erzielen?

Unsere Aufgabe besteht darin, in Fällen von Enteignung oder widerrechtlicher Landaneignung Beratung und rechtlichen Beistand zu gewähren. Wir sorgen dafür, dass die Ansprüche der Frauen anerkannt und verteidigt werden, wenn sie rechtliche Schritte einleiten.

Paramilitärische Organisationen und die Guerilla haben grosse Gebiete annektiert und etwa drei Millionen Menschen verjagt. Die Karibikküste, eine sehr fruchtbare und ressourcenreiche Region, ist am stärksten betroffen. Die politischen und kriminellen Eliten und die Unternehmen teilen sich jetzt diesen Reichtum. Wir unterstützen das Recht auf Wiedergutmachung und auf die Rückgabe von Grundeigentum für Personen, die von ihrem Land vertrieben wurden, insbesondere Frauen.

Wir bearbeiten derzeit 16 Sammelklagen im Zusammenhang mit Fällen von Enteignung und widerrechtlicher Landaneignung. Rund 800 Frauen und 1200 Familien in ländlichen Gebieten, die Opfer des bewaffneten Konflikts und des organisierten Verbrechens sind, sind an diesen Gerichtsfällen beteiligt. Im Jahr 2015 wurde eine Vereinigung, die wir vertreten, als Kollektivopfer anerkannt. Dieser exemplarische Fall hat national Beachtung gefunden und wir sind zuversichtlich, dass weitere Dossiers erfolgreich abgeschlossen werden können.

Sind Sie – oder die Frauen, die mit Ihnen arbeiten – in Ihrem Beruf Risiken ausgesetzt?

Seit dem Friedensabkommen vom November 2016 haben in Kolumbien 217 Menschenrechtsverteidigerinnen und –verteidiger ihr Leben verloren. Die Lage in unserem Land ist katastrophal. Der Staat erkennt diese Situation nicht an und es herrscht Straflosigkeit. Unsere Organisation wird regelmässig bedroht.

Im Falle der Menschenrechtsverteidigerinnen richten sich die Angriffe und Drohungen vor allem gegen ihre Familien und Kinder, was noch schwieriger und schmerzhafter ist, als selbst bedroht zu werden. Dies führt manchmal zu sehr unangenehmen Situationen für die Familie, vor allem, wenn man gezwungen ist, den Wohnort zu wechseln oder die Kinder aus der Schule zu nehmen, ohne dass diese wirklich verstehen, was vor sich geht.

«Seit Anfang 2018 haben in Kolumbien 217 Menschenrechtsverteidigerinnen und –verteidiger ihr Leben verloren.»  Luz Estella Romero


Was könnten Ihrer Meinung nach die Regierungen und insbesondere die Schweizer Regierung tun, um die WHRD (Women Human Rights Defenders) besser zu schützen und zu verteidigen?


COLEMAD arbeitet seit mehreren Jahren mit der Schweizer Botschaft in Bogotá zusammen, die ein Friedensprogramm begleitet, an dem wir beteiligt sind. Dieses Projekt will durch die Bereitstellung von Unterstützung und Ressourcen für die Friedensakteure in Kolumbien den Gruppen, die von Gewalt leben, entgegentreten. Wir danken der Schweiz und sind für ihre Hilfe sehr dankbar.

Die Regierungen dürfen keine Angst haben, die notwendigen Massnahmen zum Schutz der Menschenrechtsverteidigerinnen und -verteidiger zu ergreifen und müssen diese weiterhin in ihren Bemühungen und Aktionen unterstützen.

Welche Botschaft möchten Sie den Frauen vermitteln?

Bildung ist unerlässlich! Es ist der fehlende Zugang zu Wissen und Bildung, der zu Ungleichheit und dem Risiko, seiner Rechte beraubt zu werden, führt. Jede und jeder muss in seinem elementarsten Recht auf eine qualitativ hochwertige Bildung unterstützt werden.

Kolumbien muss durch Bildung mit seiner Jugend zusammenarbeiten, um den Frieden wiederherzustellen. Und das Land muss seinen Rückstand im Bereich der wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Rechte aufholen.

Die Frauen brauchen echte wirtschaftliche Unterstützung. Wir müssen den wirtschaftlichen Wert der Frauen in der Gesellschaft anerkennen und ihre finanzielle Unabhängigkeit fördern.

Wer sind die Menschenrechtsverteidigerinnen (WHRD)?

Die Gruppe der Menschenrechtsverteidigerinnen (WHRD) umfasst Personen, die sich für die Förderung der Menschenrechte und der Grundfreiheiten einsetzen. Dazu gehören in erster Linie Frauen, aber auch Männer, die sich für die Rechte der Frauen, die Gleichstellung der Geschlechter und das Recht auf sexuelle und reproduktive Gesundheit einsetzen.

WHRD müssen bei ihrer schwierigen Arbeit unterstützt, geschützt und begleitet werden. Diese engagierten Frauen sind geschlechtsspezifischen Bedrohungen wie frauenfeindlichen Übergriffen, Vergewaltigungen oder anderen Formen von sexueller Gewalt ausgesetzt. Weil sie nicht den vorherrschenden soziokulturellen Normen entsprechen und Traditionen, Familienstrukturen und die Rolle der Frau infrage stellen, setzen sich die WHRD der Stigmatisierung und Ächtung durch ihre Gemeinschaften aus.

Engagement der Schweiz

«Die Schweiz hat beschlossen, im Jahr 2018 einen besonderen Schwerpunkt auf die WHRD zu legen. Diese Frauen leisten hervorragende Arbeit zur Förderung der Rechte der Frauen und der Gleichstellung, Themen, die häufig als sensibel eingestuft werden, aber wichtig für unsere Zukunft sind. Die Schweiz und ihr diplomatisches Personal setzen sich dafür ein, dass die WHRD stärker wahrgenommen und anerkannt werden, damit sie sich frei äussern und ihr Engagement ohne Angst vor Repressalien gegen sie, ihre Familien oder ihre Gemeinschaften fortsetzen können.

Die Schweiz hat im Jahr 2013 Leitlinien zum Schutz von Menschenrechtsverteidiger/innen erlassen. Die WHRD sind darin als besonders exponierte Gruppe erwähnt. Die Leitlinien sind ein konkretes und praktisches Hilfsmittel, um sich mit Aspekten ihres Schutzes auseinanderzusetzen. Es geht uns auch darum, die Schweizer Auslandvertretungen für die Probleme und Herausforderungen zu sensibilisieren, mit denen die Menschenrechtsverteidigerinnen und -verteidiger konfrontiert sind.

Die Abteilung Menschliche Sicherheit (AMS) steht in regelmässigem Kontakt mit einem grossen Netz von Menschenrechtsverteidigerinnen und -verteidigern, die wir unterstützen und mit denen wir zusammenarbeiten. Die Schweiz engagiert sich für sie, denn sie sind wichtige Partner für die Achtung, den Schutz und die Förderung der Menschenrechte. Ihr Engagement ist mutig und erfüllt eine wichtige Brückenfunktion zwischen den von ihnen vertretenen Bevölkerungsgruppen und den Regierungen.»


Heidi Grau, Botschafterin, Chefin der Abteilung Menschliche Sicherheit des EDA

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