Sign In
Jun 13
Der Papst in Genf: politisches Treffen und grosse Messe

​Genf ist es gewohnt, Staatsoberhäupter und auch Päpste zu empfangen: Nach Paul VI. (1969) und Johannes Paul II. (1982 und 1984) wird am 21. Juni 2018 Papst Franziskus erwartet. Nur wenigen Städten der Welt wird diese Ehre zuteil, etwa New York mit dem UNO-Hauptsitz oder Jerusalem mit seinen heiligen Stätten und seiner religiösen Vielfalt. Die Calvinstadt übt eine ähnliche Anziehungskraft auf den Vatikan aus – und bietet sogar noch etwas mehr. Papst Franziskus kommt als Nachbar. Die Schweiz ist das Heimatland seiner Schweizergardisten, und unsere humanitäre Politik, unsere Friedens- und Neutralitätspolitik weisen viele Gemeinsamkeiten mit der Politik des Heiligen Stuhls auf.

Der Papst wird von Bundespräsident Alain Berset, Bundesrätin Doris Leuthard und EDA-Vorsteher Ignazio Cassis empfangen.


40’000 Pilgerinnen und Pilger in Genf

Papst Franziskus kommt aber nicht für ein Gespräch hinter verschlossenen Türen, fernab der Öffentlichkeit. Er besucht den Ökumenischen Rat der Kirchen (ÖRK), der sein 70-jähriges Bestehen feiert. Seine ökumenische Pilgerreise ist von Anfang bis zum Schluss eine Schweizer Reise. Umrahmt vom protokollarischen Zeremoniell am Flughafen beginnt der Papstbesuch mit einem Treffen mit Bundespräsident Alain Berset und schliesst mit einer grossen Messe im Palexpo, die vom Fernsehen weltweit ausgestrahlt wird. Genf Tourismus bereitet sich auf 40’000 Pilgerinnen und Pilger vor.

Und die Ökumene? Auch zu diesem Thema gibt es «Swiss Stories». Der im 20. Jahrhundert eingeleitete Dialog zwischen den christlichen Konfessionen beendete einen jahrhundertelangen Religionskrieg und trägt bis heute zur Entschärfung bewaffneter Konflikte bei. Bei den Jubiläumsfeierlichkeiten «500 Jahre Reformation» von 2017 in Wittenberg (Deutschland) hatten lediglich die Schweizer Katholiken und Protestanten einen gemeinsamen Pavillon. Kardinal Kurt Koch, gebürtiger Luzerner und ehemaliger Bischof von Basel, ist Präsident des Päpstlichen Rats zur Förderung der Einheit der Christen. Er hat Papst Franziskus überzeugt, aus den rund hundert Einladungen diejenige Genfs und der Schweiz für seinen Besuch vom 21. Juni auszuwählen.

Politiker, eine Miss Schweiz und ein Bernhardiner

Seit seiner Wahl im Jahr 2013 hat Papst Franziskus bereits fünf Bundesratsmitglieder empfangen (darunter drei Bundespräsidenten). Sie alle haben ihm zu verstehen gegeben, dass er jederzeit in der Schweiz willkommen ist. Am 6. Mai 2016 statteten Bundespräsident, Nationalratspräsidentin und Ständeratspräsident dem Vatikan gemeinsam einen Besuch ab, ein Novum in unserer Geschichte. Der charismatische Pontifex und die renommierte Schweizergarde ziehen viele Schweizerinnen und Schweizer nach Rom: Parlamentsmitglieder, Kantonsvertreter und andere, darunter auch mehrere Blasorchester. Der Schweizer Botschafter beim Heiligen Stuhl hat bereits eine Reihe von Schweizerinnen und Schweizern zum Papst begleitet: den Schriftsteller und Goncourt-Finalisten Metin Arditi, eine Gruppe von dreissig Ausgegrenzten und Obdachlosen, Miss Schweiz Lauriane Sallin und einen Bernhardiner!


Bernhardiner Magnum und eine Delegation aus der Schweiz und Italien mit Botschafter Pierre-Yves Fux im Vatikan am 18. Mai 2016 ©EDA

 

Bilder: ©Keystone

Langjähriger politischer Dialog

Der Vatikan sieht die Schweiz als Land des Dialogs, aber auch der Debatte und ist sich der zum Teil starken Polarisierung innerhalb der katholischen Kirche bewusst. In der Schweiz gibt es mehrere Reformationsstädte, wo sich die Lokalbevölkerung selbst dem Protestantismus zuwandte. Hier wurde der Schulbesuch für alle Kinder eingeführt, während die Gegenreformation in den katholischen Kantonen die Errichtung katholischer Schulen und barocker Kirchen zur Folge hatte. Für den Vatikan ist die Schweiz zudem eine langjährige loyale Partnerin: seit 500 Jahren durch die Schweizergarde, seit 1500 Jahren durch die Abtei Saint-Maurice. Statt Sonderbund und Kulturkampf gibt es heute den Ökumenischen Rat der Kirchen und, als Folge der Einwanderung, andere christliche, vor allem orthodoxe Gemeinschaften.

Schweizergardisten auf der Treppe zum Damasushof im Apostolischen Palast. ©Keystone

Diese Schweiz wird Papst Franziskus besuchen. Am Ende der Gangway, noch vor der Ehrenformation der Schweizer Armee, wird er zwei uniformierte Schweizergardisten sehen – eine Tradition, die der Schweiz vorbehalten ist. Mit Bundespräsident Alain Berset wird er das 2005 auf dem Petersplatz begonnene Gespräch auf Spanisch weiterführen. Im Palexpo wird er die Obdachlosen wiedersehen, die er während des Heiligen Jahres getroffen hat, wie auch viele andere Schweizer Pilgerinnen und Pilger, die ebenfalls in Rom waren.

Kosten und Sicherheit

Wozu dient ein Papstbesuch, der viel kostet, den Strassen- und Flugverkehr beeinträchtigt und Sicherheitsfragen aufwirft? Ziel ist es, den Menschen einen kurzen direkten Kontakt zu einer der beliebtesten Persönlichkeiten der Welt zu ermöglichen. Ausserdem wird der Besuch Gelegenheit bieten, eine Friedensbotschaft aus dem internationalen Genf, der Stadt des Friedens, in die Welt hinaus zu senden. Es dreht sich aber nicht alles um den Pontifex: Die Delegation des Bundesrats wird auch mit der «Nummer 2» im Vatikan, Kardinal Parolin, Gespräche führen. Der Staatssekretär Seiner Heiligkeit ist ein Mann für schwierige oder unmögliche Verhandlungen, ein diskreter Gesprächspartner zahlreicher politischer, religiöser und zivilgesellschaftlicher Entscheidungsträger.

Der spektakuläre und gleichzeitig intime Kurz-Staatsbesuch bietet also auch Gelegenheit für einen politischen Dialog, wie ihn die Schweiz mit den meisten Ländern der Welt führt, nur dass er besonders grosse Aufmerksamkeit erhalten und zweifellos auch viele Emotionen auslösen wird.


Pierre-Yves Fux

Schweizer Botschafter in Slowenien, Zypern und beim Heiligen Stuhl.


twitter.com/pyfux & twitter.com/PIFux


Warum hat die Schweiz keine Botschaft beim Papst in Rom?

Im Gegensatz zu vielen anderen Staaten hat die Schweiz bis heute keinen in Rom residierenden Botschafter beim Hl. Stuhl. Der schweizerische Botschafter beim Heiligen Stuhl besucht aber sehr regelmässig die Ewige Stadt.

Die Vertretung des Vatikans (Apostolische Nuntiatur) in der Schweiz ist die älteste ständige Vertretungen des Heiligen Stuhls nördlich der Alpen. Sie wurde im Jahr 1597 in Luzern eröffnet. Doch war der Vertreter des Papstes (Nuntius) bis 1803 nur bei den katholischen Kantonen akkreditiert. Zudem war die Nuntiatur bis in die 1990er Jahre die einzige offizielle Kontaktstelle zwischen den beiden Staaten. Ein Grund dafür liegt in der konfessionellen Spaltung der Schweiz in katholische und reformierte Kantone. Um nach Sonderbundkrieg und Kulturkampf den konfessionellen Frieden zu wahren, verzichtete die Schweiz auf einen eigenen Botschafter beim Vatikan.

Erst anlässlich des Papstbesuchs im Jahr 2004 ernannte der Bundesrat einen Botschafter beim Heiligen Stuhl. Seitdem wird die Eidgenossenschaft von einem Botschafter mit Seitenakkreditierung vertreten.


Comments

There are no comments for this post.