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Mrz 21
Bangladesch und die Rohingya-Krise – was tun?

Die Rohingya-Krise steht derzeit im Zentrum der internationalen Aufmerksamkeit. Auch am Internationalen Filmfestival und Forum für Menschenrechte war diese beispiellose humanitäre Krise ein Thema. Botschafter Thomas Gass berichtet von der lebhaften Podiumsdiskussion, die von der Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit (DEZA) organisiert wurde.

Seit Ende August 2017 sind fast 700ʼ000 Rohingya vor der Gewalt im myanmarischen Bundesstaat Rakhine nach Bangladesch geflohen. Dies entspricht einem Zehntel der Schweizer Bevölkerung. Die Flüchtlinge leben in der Region Cox’s Bazar im Südosten Bangladeschs in überfüllten Lagern mit schlechten sanitären Bedingungen. So weit das Auge reicht, reihen sich die Zelte aneinander. Einige Flüchtlingslager sind doppelt so gross wie die Stadt Genf.

Riesige Herausforderungen

An der Podiumsdiskussion wurde darauf hingewiesen, dass die Lage äusserst kritisch und komplex ist. Die Bedürfnisse – Wasser, Nahrungsmittel, primäre Gesundheitsversorgung – sind riesig. Bis jetzt sind über dreissig Diphtheriefälle aufgetreten. Die im ärmsten Teil Bangladeschs gelegenen Flüchtlingslager sind hochwassergefährdet. Die humanitären Helfer sind daher sehr besorgt wegen der bevorstehenden Regenzeit. Sie waren aber auch beeindruckt von der Solidarität, der Offenheit und der Gastfreundschaft der Lokalbevölkerung, die das Wenige an Wasser und Nahrung, das sie zur Verfügung hat, mit den Flüchtlingen teilte. Der bangladeschische Botschafter zeigte sich in seiner engagierten Eröffnungsansprache beunruhigt über die kritische Situation und den grossen Druck auf Ressourcen und Umwelt. Die Herausforderungen sind enorm. Er rief dazu auf, die Rechte der Rohingya anzuerkennen, damit die Flüchtlinge in Sicherheit und Würde in den Bundesstaat Rakhine zurückkehren können.  

Die Schweiz stellt zusätzliche Mittel zur Verfügung

Aufgrund der Appelle der Regierung Bangladeschs und der internationalen Gemeinschaft hat die Schweiz insgesamt 20 Millionen Franken zur Bewältigung der Notlage bereitgestellt (8 Millionen Franken 2017 und weitere 12 Millionen im Jahr 2018). Die Unterstützung erfolgt in Form von humanitärer Hilfe und einer längerfristig angelegten Entwicklungshilfe mit dem Ziel, die Resilienz der Bevölkerung zu stärken. Ich habe darauf hingewiesen, wie wichtig diese Hilfe ist, um die Aufnahmegesellschaft zu unterstützen und die Kapazitäten des Landes zu stärken. Grundlegende Infrastrukturanlagen fehlen oder müssen wieder aufgebaut werden. Wie auch die anderen Podiumsteilnehmer ausführten, müssen sämtliche Massnahmen die Lokalbevölkerung einbeziehen, damit die durch die Krise verschärften sozialen Spannungen nicht eskalieren. 

«Ich habe betont, dass sich die Schweiz an den gemeinsamen Anstrengungen beteiligen muss.» Thomas Gass


Bildungsbedarf von Kindern und Jugendlichen

Eine zentrale Frage in der Diskussion war der Zugang zu Bildung. In den Flüchtlingslagern gibt es sehr viele Kinder und Jugendliche. Wieder in die Schule gehen zu können, bedeutet Rückkehr zu einer gewissen Normalität. Bildung bietet Hoffnung, physische und psychische Geborgenheit und Zukunftsperspektiven. Dies zeigen die Erfahrungen der Schweizer Entwicklungszusammenarbeit in anderen Regionen der Welt. Der Schulbesuch von vertriebenen Kindern fördert den Zusammenhalt zwischen Flüchtlingsfamilien und Aufnahmegesellschaft. Bildung vermittelt Wertvorstellungen wie Toleranz, Menschenrechte, Respekt, staatsbürgerliche Verantwortung, Teilhabe, Zusammenarbeit, Pluralismus, Vielfalt und Bürgersinn. Bei der Friedensförderung und der Gewaltprävention kommt der Bildung daher eine entscheidende Rolle zu. Sie lehrt uns, «besser zusammenzuleben». Zugang zu Bildung ist sehr wichtig in Krisensituationen und daher auch Teil der Lösungssuche. Ohne Bildungsmassnahmen besteht die Gefahr, dass junge Flüchtlinge zu einer «verlorenen Generation» heranwachsen, die Gewalt als einzige Option ansieht.   

Gemeinsame internationale Verantwortung

Die Staatengemeinschaft muss Bangladesch und die Aufnahmeländer unbedingt mehr unterstützen. Weltweit gibt es über 65 Millionen Vertriebene, darunter 22 Millionen Flüchtlinge. Das ist eine alarmierende Zahl. Jordanien, Pakistan, Äthiopien, Kenia und neuerdings Bangladesch beherbergen die grössten Flüchtlingslager der Welt. Die Mehrheit der Aufnahmeländer sind Nachbarstaaten. Sie sind meistens arm und haben selber mit enormen Problemen zu kämpfen, was den Zugang zu Dienstleistungen und Ressourcen wie Nahrung, Wasser, Gesundheit und Bildung anbelangt. Die Last, die diese Länder tragen, übersteigt ihre Kapazitäten.

Deshalb habe ich betont, dass sich die Schweiz an den gemeinsamen Anstrengungen beteiligen muss. Bei sämtlichen Massnahmen zur Beilegung der Rohingya-Flüchtlingskrise müssen die Menschenrechte und die internationalen Übereinkommen beachtet werden. Als reiches Land haben wir die Pflicht, uns solidarisch zu zeigen und die Opfer von Konflikten und Menschenrechtsverletzungen zu unterstützen.

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Botschafter Thomas Gass,
Vizedirektor der DEZA und Leiter Bereich Südzusammenarbeit.



Podiumsdiskussion Demokratie ohne Grenzen, Genf, 15.3.2018

Die Veranstaltung «Bangladesch und die Rohingya-Krise – was tun?» fand im Rahmen des Internationalen Filmfestivals und Forums für Menschenrechte statt. Sie ist Teil der Schweizer Initiative «Demokratie ohne Grenzen», die die Demokratie und die Achtung der Menschenrechte in der Welt fördern will. 


Video: Standortkartierung im Flüchtlingslager Kutupalong, Cox’s Bazar, Bangladesch

Das Video wurde erstellt von Philipp Huebner, einem Mitglied des Schweizerischen Korps für humanitäre Hilfe. Er ist als Standortplaner für das UNO-Hochkommissariat für Flüchtlinge (UNHCR) im Einsatz. Drohnenaufnahmen zeigen die Herausforderungen und unterstützen die internationale Gemeinschaft bei der Organisation der Hilfe. 

 

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