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Feb 06
Neue Lern-App «Fliehen vor dem Holocaust»

​Es gibt im Schulunterricht kaum ein schwierigeres Thema als den Holocaust. Worin liegt der Sinn, Kindern und Jugendlichen das absolut Böse der Nationalsozialisten zu zeigen oder die unendliche Hoffnungslosigkeit von verfolgten Menschen zu vermitteln? Und doch gehört der Holocaust zum Grundkanon der Vermittlung. Alle sind überzeugt, dass heutige Jugendliche wissen müssen, wie schnell sich eine Demokratie zu einer verbrecherischen Diktatur wandeln kann, wenn Volksverhetzer und Rassisten die Macht übernehmen.

Das EDA hat sich aus Anlass des Schweizer Vorsitzes der International Holocaust Remembrance Alliance (IHRA) zum Ziel gesetzt, gemeinsam mit Fachleuten die Vermittlung dieses schwierigen Themas zu modernisieren und jugendgerecht mit digitalen Medien zu unterstützen.

Aktuelle Herausforderungen bei der Thematisierung des Holocaust in der Schule

Lehrpersonen müssen beim Thema Holocaust nicht nur grosse thematische Herausforderungen bewältigen, sie sind heute noch mit zusätzlichen Problemen konfrontiert:

Erstens «verstummen die Zeitzeugen». Überlebende waren bis jetzt mit ihren Zeugenberichten zentral für die Vermittlung des Holocausts.

Zweitens wächst die Anzahl von Medien und Materialien zum Holocaust stark. Es werden neue Quellen gefunden und öffentlich gemacht, neue Darstellungen geschrieben und neue mediale Gattungen geschaffen.

Drittens steigen die didaktischen Ansprüche bei der Vermittlung des Holocausts – und selbstverständlich nicht nur bei diesem Thema.

Viertens muss die Schule auf aktuelle gesellschaftliche Entwicklungen reagieren. Sie behandelt neue Themen, etwa Wirtschafts- oder Gesundheitsbildung, Globalisierung oder Digitalisierung. In weiten Teilen der Welt sinkt aber die Unterrichtszeit. In Deutschschweizer Sekundarschulen stehen für die Vermittlung des Zweiten Weltkriegs noch durchschnittlich 16 Stunden zur Verfügung. Für den Holocaust bleiben 7 Stunden.

Wie kann angesichts all dieser Schwierigkeiten der Holocaust heute gut thematisiert werden?

Um LehrerInnen bei der Vermittlung des Holocaust zu unterstützen, entwickelten verschiedene ForscherInnen und LehrmittelentwicklerInnen eine App, die während drei Unterrichtslektionen einen substanziellen Beitrag dazu leisten kann.

Dank finanzieller Unterstützung verschiedener Partner, namentlich des EDA, haben sich Fachleute aus der Schweiz, aus Österreich und Deutschland zusammengetan. Als Thema der Lern-App wurde «Fliehen vor dem Holocaust» gewählt. Dieses Thema bekam in den letzten Jahren eine neue exemplarische Bedeutung: Erneut werden Menschen vertrieben, in Kriegshandlungen verwickelt, verfolgt, mit dem Tod bedroht und müssen fliehen, um ihr Leben zu retten.


Kernideen

In der Entwicklungsarbeit konnte sich das Team auf eigene Forschungen und Erfahrungen abstützen. Vor der eigentlichen Entwicklung wurde eine Pilot-App gebaut und im Unterricht erforscht und evaluiert. Aus dem Pilotprojekt wurden 4 Kernideen gewonnen:

1. Im Zentrum der App stehen videographierte Zeitzeugeninterviews mit Menschen, die über ihre Erlebnisse berichten. SchülerInnen sollen diesen Fliehenden begegnen, ihren Namen kennen, ihr Gesicht sehen, ihre Geschichte hören und verstehen.

2. Deutschsprachige Jugendliche sollen zu den ausgewählten Menschen einen direkten Bezug herstellen können, sei es, weil die Geschichten in ihrer Lebensumwelt spielen, sei es, weil grosse Fragen der Jugendlichen wie Liebe, Vertrauen, Schule, Familie oder Freizeit thematisiert werden.

3. Die Lernenden müssen zum Erzählen gebracht werden: Während der Arbeit mit der App erstellen die Lernenden ein Album, in dem sie Materialien sammeln, ordnen und kommentieren. Diese Dokumentation wird am Schluss der Begegnung in einem pdf-File dokumentiert. Das pdf-File verschicken die Lernenden an jemanden ihrer Wahl - und in schulischen Zusammenhängen zusätzlich an die Lehrperson.

4. Die App soll auch ein variables Lehrangebot für die Lehrperson sein. Für den Einsatz der App bieten sich drei Unterrichtsmöglichkeiten an: Einzel- oder Kleingruppenarbeiten im Klassenzimmer am je eigenen Gerät; Präsentation via Beamer oder interaktivem Whiteboard durch die Lehrperson; oder die Lernenden nutzen die App zu Hause und die von ihnen erstellten Alben werden danach im Klassenzimmer verhandelt.

© Peter Gautschi

Perspektiven

Natürlich wird mit der App angestrebt, dass sich Jugendliche neues Wissen über den Holocaust aneignen, dass sie lernen, mit videographierten Zeitzeugen-Interviews umzugehen, und dass sie neue Einstellungen aufbauen, insbesondere im Umgang mit Menschen auf der Flucht. Und natürlich soll die App dazu beitragen, dass Jugendliche lernen, historisch zu denken.

Die Lern-App «Fliehen vor dem Holocaust» geht im Frühsommer 2018 online und kann gratis heruntergeladen werden. Erste Weiterbildungsveranstaltungen für LehrerInnen sind ausgeschrieben, und Lehrerschaft wie auch Schulbehörden sind der App gegenüber sehr offen. Sie freuen sich alle auf eine neue gute Möglichkeit, um den Holocaust heutigen Jugendlichen mit modernen Medien wirksam und interessant zu vermitteln.

Peter Gautschi

ist Dr. phil., Professor für Geschichtsdidaktik, Leiter des Zentrums Geschichtsdidaktik und Erinnerungskulturen der Pädagogische Hochschule Luzern.




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