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Nov 14
Die Spuren des Krieges in der Ukraine

​Es dunkelt bereits ein, als der Lastwagen mit der Schweizerflagge in das Areal der Tuberkuloseklinik im ostukrainischen Luhansk einfährt. Männer in Arbeiterhosen eilen herbei, helfen die zu tiefen Stromleitungen mit langen Holzstangen anzuheben, damit der Lastwagen vor dem Haupteingang des Krankenhauses parkieren kann. Die sich im Park aufhaltenden Patienten beobachten das rege Treiben. Laborantinnen und Pflegerinnen in weissen Kitteln warten aufgeregt darauf, dass der Fahrer die Tür des Lastwagens öffnet und sie das lang ersehnte Tuberkulosediagnosegerät Bactec zu Gesicht bekommen.

Denn dieses ermöglicht den Laboranten die gefährliche Lungenkrankheit  innerhalb von wenigen Stunden zu erkennen; statt die Diagnose von Hand durchzuführen und knapp zwei Monate auf das Resultat zu warten, liefert der Apparat dieses noch am gleichen Tag. Das Personal der Klinik musste seit 2014 auf ein funktionierendes Diagnosegerät verzichten, nachdem der klinikeigene Apparat durch Beschuss des Labors beschädigt worden war.

«Der rasche Befund ist deshalb von Bedeutung, weil jede nicht diagnostizierte Tuberkulose zu einer Zeitbombe werden und weitere Menschen anstecken kann», erklärt Professor Rolf Streuli, ehemaliger Chefarzt. Als Mitglied der Fachgruppe Medizin des Schweizerischen Korps für humanitäre Hilfe (SKH) begleitet er diese Hilfslieferung zusammen mit Teamleader Dieter Dreyer von der Humanitären Hilfe der DEZA sowie mir als Vertreterin der SKH-Fachgruppe Information.

«Es ist deshalb wichtig, die Verbreitung der Krankheit einzudämmen, weil die Ukraine bereits heute europaweit die meisten Fälle von neuerkrankten Tuberkulosepatienten pro Jahr aufweist», weiss Streuli. Zudem sind gemäss WHO-Statistik immer mehr Fälle von Antibiotika-resistenter Tuberkulose in der Region zu verzeichnen. Diesbezüglich steht die Ukraine weltweit an fünfter Stelle.

Als dann das über 400 Kilo schwere Diagnosegerät von acht Feuerwehrmännern mit reiner Muskelkraft in den dritten Stock getragen worden ist, ein ukrainischer Ingenieur den Apparat startklar gemacht hat und die vielen Kartonschachteln mit Verbrauchsmaterial verstaut worden sind, ist die Freude bei den Krankenhausmitarbeitern gross. Endlich können sie wieder rasch und effizient arbeiten.

Auch Teamleader Dreyer ist erleichtert, dass die Hilfslieferung ohne Sicherheitsvorfälle ihr Ziel erreicht hat. Denn wie bei jedem humanitären Transport muss er ungewisse Faktoren ständig mit einplanen. Unvorhergesehene Ereignisse können Abläufe jederzeit durcheinanderbringen. Doch das macht Dreyer nichts aus. Er weiss, was zu tun ist. Schliesslich hat er seit 2014 die sogenannte Kontaktlinie in der Ukraine bereits achtzehn Mal überquert und schon die sechs ersten Hilfsgütertransporte der Schweiz ans Ziel geführt.

Bevor die Hilfslieferung in Luhansk der Tuberkuloseklinik übergeben werden kann, ist viel Administratives zu erledigen. Die Ware hat einen langen Weg hinter sich: Das in der Schweiz gekaufte Gerät und das dazugehörige Verbrauchsmaterial wurden per Flugzeug nach Kiew transportiert und dann in einen Lastwagen verladen. Der LKW-Fahrer legte anschliessend 760 Kilometer bis nach Novotroitske zurück. Dort wartete das dreiköpfige Schweizer Begleitteam der Humanitären Hilfe in zwei UNO-Fahrzeugen auf den Lastwagen.

Gemeinsam führte der Weg dann vom regierungskontrollierten Gebiet über die «Kontaktlinie» nach Luhansk. Die Fahrt von Novotroitske bis zur Tuberkuloseklinik dauerte zehn Stunden und beinhaltete Wartezeiten an Checkpoints, bis alle Dokumente überprüft und zur Weiterfahrt freigegeben waren, oder Umwege, weil Brücken gesprengt und nicht mehr passierbar waren. Zudem verlangsamten grosse Schlaglöcher im Asphalt den Transport – statt sich auf der rechten Fahrspur zu halten, bewegten sich die drei Fahrzeuge im Slalom langsam vorwärts.

Unterwegs waren immer wieder die Spuren des Krieges zu sehen. So etwa in der Stadt Snizhne– 80 Kilometer östlich von Donezk im nicht von der Regierung kontrolliertem Gebiet. Einst zählte sie 100'000 Einwohnerinnen und Einwohner. Heute leben dort noch 60'000 Menschen. Von den zehn Bergwerken ist nur noch eines in Betrieb.

Wie sich die Situation in der Ostukraine in den kommenden Monaten entwickeln wird, ist unklar. Die UNO stellt bereits heute eine Verschlechterung der humanitären Lage in der Region fest. Der Winter steht vor der Tür, Nahrungsmittel und Heizmaterial würden knapp. Die Isolation des nicht von der Regierung kontrollierten Gebiets im Osten des Landes zeigt ihre Wirkung; weder Stahl noch Kohle gelangen seit diesem Frühling dorthin. Zudem erreichen immer weniger Hilfslieferungen aus Russland die Region.

 

Nicola Mohler

ist Journalistin bei der Monatszeitung «reformiert.». Vom 13. -21. Oktober begleitete sie als Mitglied der Fachgruppe Information des Schweizerischen Korps für Humanitäre Hilfe zusammen mit Teamleader Dieter Dreyer und dem Arzt Rolf Streuli den Transport in die Ostukraine.



© EDA

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