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Jul 20
Das Lernen über den Holocaust ist wichtig für die kommenden Generationen

Die Schweiz hat 2017 den Vorsitz der International Holocaust Remembrance Alliance (IHRA) inne. Dabei legt sie den Fokus ihrer Präsidentschaft auf Bildung und Jugend. Dies bietet eine Gelegenheit, um über die Bedeutung der Vermittlung der Geschichte und des Gedenkens an die Schoah an die junge Generation nachzudenken. Monique Eckmann, Mitglied der Schweizer Delegation bei der IHRA und Expertin für diese Fragen, gibt Antwort.

Den Holocaust thematisieren, um andere Völkermorde zu verstehen

«Die Geschichte der Schoah ist vielschichtig und komplex. Es gibt kein Standardprogramm für die Vermittlung an junge Menschen, aber verschiedene Dimensionen, die in den Unterricht integriert werden können», sagt Monique Eckmann, Soziologin, emeritierte Professorin der Hochschule für Soziale Arbeit in Genf und seit 2004 Expertenmitglied der Schweizer Delegation bei der IHRA.

Der Holocaust, seine Geschichte, die Mechanismen, die dabei zum Tragen kamen, all das ist heute bekannt. Eine Vielzahl von Dokumenten und historischen Analysen, ergänzt durch Erfahrungsberichte von Holocaust-Überlebenden und Zeitzeugen, informieren über das Geschehene. Die Geschichtsschreibung berichtet über Deutschland, die Machtergreifung der Nazis, den Terror, die Besatzung, den Krieg, die Ausgrenzung der Juden und anderer Minderheiten, die Deportationen, die KZ, die Opfer.

«Die Geschichtsvermittlung ist zentral. Neben dem eigentlichen Wissen über dieses Verbrechen gegen die Menschlichkeit werden den Jugendlichen Schlüssel zum Verständnis von Prozessen vermittelt, die zu Segregation, Ausgrenzung und Vernichtung führen können. Alle Theorien, die sich mit der Wegbereitung eines Völkermordes befassen, basieren auf dem Wissen über den Holocaust. Durch die Auseinandersetzung mit den Taten der Verantwortlichen lernen wir über Phänomene wie Gruppendruck, die Folgen von Gleichgültigkeit, aber auch über die Möglichkeiten des Widerstandes – selbst auf kleinster Ebene – nachzudenken. Dies erlaubt es uns, andere Formen von Rassismus und Diskriminierung zu erkennen und ihnen entgegenzutreten», führt Monique Eckmann aus.

Comics, Kunst, Musik: einen interdisziplinären Unterricht fördern

Die Expertin betont, dass vielfältige Lehrmaterialien existieren, und wie wichtig es ist, die Informationen interdisziplinär zu vermitteln. «Den Holocaust kann man auch durch Comics, Kunst, Grafik und Musik erklären. Oft geht die Initiative zur Auswahl solcher Unterrichtsmaterialien von den Lehrkräften aus.»

Ein Beispiel ist der Comic «Maus» von Art Spiegelman. Der Amerikaner schildert darin die Geschichte seines Vaters, eines Holocaust-Überlebenden, und die Vernichtung der Juden in Form einer Fabel mit Tiermetaphern. Ein anderes Beispiel ist das Bilderbuch «Tommy» des tschechischen Künstlers Bedrich Fritta. Er zeichnete dieses Bilderbuch für seinen Sohn zu dessen drittem Geburtstag, als er selbst im KZ Theresienstadt in der Nähe von Prag inhaftiert war. Später wurde Bedrich Fritta nach Auschwitz deportiert, wo er ermordet wurde.

Die Kinderoper «Brundibár» wurde ebenfalls im KZ Theresienstadt produziert und von den Kindern im Lager viele Male aufgeführt. Die Oper in zwei Akten von Hans Krása und Adolf Hoffmeister wird heute noch gespielt, zum Teil umrahmt von Erlebnisberichten Überlebender, die als deportierte Kinder an den Brundibár-Aufführungen in Theresienstadt beteiligt waren.  

«Anhand solcher Materialien lernen Kinder und Jugendliche verschiedene Aspekte der Schoah kennen: die Erlebnisse, welche die Überlebenden durchmachten, das KZ Theresienstadt und auch eine Form des Widerstands gegen das Unaussprechliche durch die Kunst», schliesst Monique Eckmann.

Verstehen und ein kritisches Bewusstsein entwickeln

Nach Auffassung der Expertin ist Lernen über den Holocaust nicht vollständig, wenn nicht gleichzeitig auf die lokale Geschichte eingegangen wird. «Es ist wichtig, dass die Schülerinnen und Schüler lernen, was sich dort ereignet hat, wo sie wohnen, was die Bevölkerung, die Behörden, die Flüchtlinge in der damaligen Zeit erlebt haben. In der Schweiz stellen verschiedene Arbeiten – insbesondere jene der Bergier-Kommission – wichtige Ressourcen dar, die zum Verständnis der damaligen Ereignisse in der Schweiz beitragen. Die Auseinandersetzung mit der Rolle der Behörden und der Bevölkerung des eigenen Landes und deren Grenzen trägt dazu bei, ein kritisches Bewusstsein zu entwickeln.

Zusammenhang mit anderen Kriegserfahrungen

Die Professorin unterstreicht, dass Jugendliche und Lehrkräfte sehr interessiert sind an dem Thema und daran, einen Bezug zwischen Vergangenheit und Gegenwart herzustellen.

«Wir haben festgestellt, dass viele Personen, die aus Konfliktgebieten geflüchtet sind, ein grosses Interesse daran haben, sich vertieft mit der Frage der Schoah zu befassen, und gleichzeitig das Bedürfnis verspüren, von den traumatischen Kriegserfahrungen in ihrer Heimat zu sprechen. Dies erlaubt es ihnen, Verbindungen herzustellen, um historische Ereignisse aus jüngerer Zeit zu verstehen.»

Lernen, sich richtig zu informieren

Das Aufkommen der Informationsgesellschaft bringt neue Herausforderungen. «In den sozialen Netzwerken haben Verschwörungstheorien im Zusammenhang mit aktuellen Ereignissen Hochkonjunktur», fügt Monique Eckmann an. Sie sei keine Social-Media-Expertin, betont sie, aber angesichts der aktuellen Desinformationsgefahr sieht sie im Lernen über den Holocaust eine Möglichkeit, dass junge Menschen lernen, sich richtig zu informieren, indem sie zum Beispiel Fakten überprüfen und Informationsquellen vergleichen.

«Mit Lernen über den Holocaust ist dem Antisemitismus in der heutigen Zeit nicht beizukommen – die Kontexte sind völlig verschieden. Aber ein hochwertiger Unterricht über die Schoah gibt den jungen Menschen Instrumente an die Hand, die ihre Analysefähigkeit, ihr kritisches Bewusstsein und ihr Streben nach gesicherten Informationen fördern, und damit historischen Halbwahrheiten, Ungenauigkeiten und Verzerrungen den Boden entziehen.»

 

Holocaust oder Schoah?

Die Begriffe Holocaust und Schoah werden in diesem Text synonym verwendet und beziehen sich auf die systematische Verfolgung und Ermordung von rund sechs Millionen Juden durch das NS-Regime und seine Gefolgsleute. Zwar waren die meisten Opfer des Holocaust Juden. Aber auch sehr viele Sinti und Roma sowie Angehörige weiterer Minderheiten wurden von den Nationalsozialisten umgebracht.

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