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Mai 16
Vietnam: «Es ist schön, ein Programm zu schliessen, wenn der Grund dafür der Rückgang der Armut ist.»

​Nach 25-jähriger Tätigkeit in Vietnam richtet die Schweiz ihre Unterstützungsstrategie für dieses Land neu aus. Die Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit (DEZA) hat ihr Büro in Hanoi geschlossen und den Stab an das Staatssekretariat für Wirtschaft (SECO) übergeben, das die Kooperation im Bereich der Wirtschaftsentwicklung fortsetzen wird. Samuel Wälty, DEZA-Koordinator von Juli 2011 bis Anfang 2016, zieht eine positive Bilanz. Interview.

Abschied für Samuel Wälty in der Residenz der Schweizer Botschaft mit Botschafterin Beatrice Maser (ganz rechts) und Mitarbeitenden des Kooperationsbüros der DEZA in Vietnam. © Schweizer Kooperationsbüro in Vietnam

Herr Wälty, was war Ihre Aufgabe in Vietnam?

Im Juli 2011 trat ich in Hanoi meine Stelle als Chef des DEZA-Programms und des Schweizer Kooperationsbüros in Vietnam an.

Damals stand bereits fest, dass die bilaterale Zusammenarbeit der DEZA in Vietnam durch das SECO-Programm abgelöst wird. Eine meiner wichtigsten und sicher auch heikelsten Aufgaben war die Planung und Umsetzung dieser Übergabe und die Beendigung des DEZA-Programms. Hier war insbesondere verantwortungsvolles Handeln gefragt. Es war wichtig, dass die Angestellten bis zum Schluss bleiben und dass akzeptable Lösungen gefunden werden für jene, deren Stellen abgeschafft wurden.

Da mit dem SECO-Programm eine Fortsetzung geplant war, mussten wir unsere Partner darüber informieren, dass die Beendigung des bilateralen Engagements der DEZA kein Ende der Aktivitäten der Schweiz in Vietnam bedeutete, sondern lediglich eine Verschiebung des Fokus der Schweizer Kooperation auf den Bereich der Wirtschaftsentwicklung.

Was nehmen Sie mit von dieser Erfahrung?

Bei meinem vorangehenden Einsatz im Kosovo lag der Schwerpunkt auf dem Aufbau des Schweizer Programms (DEZA und SECO), dessen Ziel es war, den neu gegründeten Nationalstaat kurz nach der Erlangung der Unabhängigkeit zu unterstützen. In Vietnam war die Aufgabe gerade umgekehrt. Meine Arbeit bestand darin, das bilaterale Programm der DEZA zu beenden. Gleichzeitig widerspiegelte sich darin auch meine persönliche Laufbahn, denn meine Pensionierung fiel fast mit dem Ende des DEZA-Programms in Vietnam zusammen. Für mich war dies eine stimulierende Herausforderung. Aber ich bin froh, dass ich diese Erfahrung am Ende meiner Karriere gemacht habe und nicht früher.

Wenn ein Programm geschlossen wird, gibt es keine Möglichkeiten für weitere Verbesserungen oder neue Projektideen. Der Fokus muss auf dem Bewährten liegen. Es darf keine Energie und kein Geld verschwendet werden, um Dinge zu verbessern, die nicht gut funktionieren. Ziel war es, erfolgreiche Projektansätze in das Verwaltungssystem zu integrieren, indem wir gemeinsam mit unseren vietnamesischen Partnern attraktive und taugliche Modelle entwickelten und uns danach dafür einsetzten, dass sie institutionalisiert werden.

Es ist schön, ein Programm zu schliessen, wenn der Grund dafür der Rückgang der Armut ist: von 60 auf 13% von 1992 bis 2015. Gleichzeitig schmerzt die Tatsache, dass immer noch mehr als 10 Millionen Menschen, d.h. mehr als die gesamte Bevölkerung der Schweiz, unter der Armutsgrenze leben.

Welches ist Ihre schönste Erinnerung?

Es ist schwierig, nur eine zu nennen. Beruflich war der 6. Juli 2015 ein Höhepunkt. An diesem Tag genehmigte das Parlament unserer Partnerprovinz Hoa Binh 5 Millionen US-Dollar für die Finanzierung partizipatorischer Planungsprozesse auf Gemeindeebene und kleiner Infrastrukturvorhaben für die nächsten fünf Jahre (2016–2020). Dadurch wurde sichergestellt, dass die wichtigsten Elemente unseres gemeinsamen Projekts innerhalb des Verwaltungssystems auch nach Beendigung des DEZA-Programms weiter existieren werden. Erfreulich war auch, dass die von der DEZA unterstützten jährlichen Umfragen über die Qualität der Leistungen der Provinzverwaltung (Transparenz, Dienstleistungen und Korruption), an denen 13’000 Bürgerinnen und Bürger teilnahmen, auf immer grösseres Interesse in der Bevölkerung stiessen. Kürzlich stellte ich erfreut fest, dass die New York Times und ein deutsches Kompendium über politische Systeme auf diese jährlichen Umfragen hinwiesen.

Ich bin aber auch sehr froh darüber, dass ein Projekt zur Verbesserung des Marktzugangs für arme Menschen in ländlichen Gebieten innerhalb von drei Jahren für jeden investierten Schweizer Franken zusätzlich 1,80 Franken Einkommen generierte für Haushalte von Angehörigen ethnischer Minderheiten. Ein Jahr nach Abschluss des Projekts erzielten noch mehr Haushalte Einnahmen aus Produkten, die zuvor vom Projekt gefördert wurden. Ein Beweis für die Fähigkeit und Entschlossenheit unserer vietnamesischen Partner ist der Umstand, dass in allen DEZA-Projekten nur eine Vollzeitstelle mit einer Person besetzt wurde, die nicht vietnamesische Staatsangehörige ist.

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